The Project Gutenberg EBook of Das Stunden-Buch, by Rainer Maria Rilke

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Title: Das Stunden-Buch

Author: Rainer Maria Rilke

Release Date: January 15, 2008 [EBook #24288]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                      Das Stunden-Buch

                 enthaltend die drei Bcher:

                       [Illustration]

                   Vom moenchischen Leben /
                   Von der Pilgerschaft /
                       Von der Armuth
                        und vom Tode

                     Rainer Maria Rilke

           Insel-Verlag / Leipzig / im Jahre 1918


                   Das 12. bis 16. Tausend


                 Gelegt in die Hnde von Lou




                         Erstes Buch

               Das Buch vom mnchischen Leben

                           (1899)


[Illustration]

Da neigt sich die Stunde und rhrt mich an
mit klarem metallenem Schlag:
mir zittern die Sinne. Ich fhle: ich kann --
und ich fasse den plastischen Tag.

Nichts war noch vollendet, eh ich es erschaut,
ein jedes Werden stand still.
Meine Blicke sind reif, und wie eine Braut
kommt jedem das Ding, das er will.

Nichts ist mir zu klein, und ich lieb es trotzdem
und mal es auf Goldgrund und gro
und halte es hoch, und ich wei nicht wem
lst es die Seele los ...



Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich ber die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich wei noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein groer Gesang.



Ich habe viele Brder in Soutanen
im Sden, wo in Klstern Lorbeer steht.
Ich wei, wie menschlich sie Madonnen planen,
und trume oft von jungen Tizianen,
durch die der Gott in Gluten geht.

Doch wie ich mich auch in mich selber neige:
mein Gott ist dunkel und wie ein Gewebe
von hundert Wurzeln, welche schweigsam trinken.
Nur, da ich mich aus seiner Wrme hebe,
mehr wei ich nicht, weil alle meine Zweige
tief unten ruhn und nur im Winde winken.



Wir drfen dich nicht eigenmchtig malen,
du Dmmernde, aus der der Morgen stieg.
Wir holen aus den alten Farbenschalen
die gleichen Striche und die gleichen Strahlen,
mit denen dich der Heilige verschwieg.

Wir bauen Bilder vor dir auf wie Wnde;
so da schon tausend Mauern um dich stehn.
Denn dich verhllen unsre frommen Hnde,
sooft dich unsre Herzen offen sehn.



Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein tglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und berwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, da ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, ber einem Grabe
den Traum erfllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drngen)
verlor in Traurigkeiten und Gesngen.



Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
in langer Nacht mit hartem Klopfen stre, --
so ists, weil ich dich selten atmen hre
und wei: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
durch Zufall; denn es knnte sein:
ein Rufen deines oder meines Munds --
und sie bricht ein
ganz ohne Lrm und Laut.

Aus deinen Bildern ist sie aufgebaut.

Und deine Bilder stehn vor dir wie Namen.
Und wenn einmal das Licht in mir entbrennt,
mit welchem meine Tiefe dich erkennt,
vergeudet sichs als Glanz auf ihren Rahmen.

Und meine Sinne, welche schnell erlahmen,
sind ohne Heimat und von dir getrennt.



Wenn es nur einmal so ganz stille wre.
Wenn das Zufllige und Ungefhre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Gerusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen --

Dann knnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lcheln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.



Ich lebe grad, da das Jahrhundert geht.
Man fhlt den Wind von einem groen Blatt,
das Gott und du und ich beschrieben hat
und das sich hoch in fremden Hnden dreht.

Man fhlt den Glanz von einer neuen Seite,
auf der noch alles werden kann.

Die stillen Krfte prfen ihre Breite
und sehn einander dunkel an.



Ich lese es heraus aus deinem Wort,
aus der Geschichte der Gebrden,
mit welchen deine Hnde um das Werden
sich rndeten, begrenzend, warm und weise.
Du sagtest leben laut und sterben leise
und wiederholtest immer wieder: Sein.
Doch vor dem ersten Tode kam der Mord.
Da ging ein Ri durch deine reifen Kreise
und ging ein Schrein
und ri die Stimmen fort,
die eben erst sich sammelten,
um dich zu sagen,
um dich zu tragen,
alles Abgrunds Brcke --

Und was sie seither stammelten,
sind Stcke
deines alten Namens.



Der blasse Abelknabe spricht:

Ich bin nicht. Der Bruder hat mir was getan,
was meine Augen nicht sahn.
Er hat mir das Licht verhngt.
Er hat mein Gesicht verdrngt
mit seinem Gesicht.
Er ist jetzt allein.
Ich denke, er mu noch sein.
Denn ihm tut niemand, wie er mir getan.
Es gingen alle meine Bahn,
kommen alle vor seinen Zorn,
gehen alle an ihm verlorn.

Ich glaube, mein groer Bruder wacht
wie ein Gericht.
An mich hat die Nacht gedacht;
an ihn nicht.



Du Dunkelheit, aus der ich stamme,
ich liebe dich mehr als die Flamme,
welche die Welt begrenzt,
indem sie glnzt
fr irgendeinen Kreis,
aus dem heraus kein Wesen von ihr wei.

Aber die Dunkelheit hlt alles an sich:
Gestalten und Flammen, Tiere und mich,
wie sie's errafft,
Menschen und Mchte --

Und es kann sein: eine groe Kraft
rhrt sich in meiner Nachbarschaft.

Ich glaube an Nchte.



Ich glaube an alles noch nie Gesagte.
Ich will meine frmmsten Gefhle befrein.
Was noch keiner zu wollen wagte,
wird mir einmal unwillkrlich sein.

Ist das vermessen, mein Gott, vergib.
Aber ich will dir damit nur sagen:
Meine beste Kraft soll sein wie ein Trieb,
so ohne Zrnen und ohne Zagen;
so haben dich ja die Kinder lieb.

Mit diesem Hinfluten, mit diesem Mnden
in breiten Armen ins offene Meer,
mit dieser wachsenden Wiederkehr
will ich dich bekennen, will ich dich verknden
wie keiner vorher.

Und ist das Hoffart, so la mich hoffrtig sein
fr mein Gebet,
das so ernst und allein
vor deiner wolkigen Stirne steht.



Ich bin auf der Welt zu allein und doch nicht allein genug,
um jede Stunde zu weihn.
Ich bin auf der Welt zu gering und doch nicht klein genug,
um vor dir zu sein wie ein Ding,
dunkel und klug.
Ich will meinen Willen und will meinen Willen begleiten
die Wege zur Tat;
und will in stillen, irgendwie zgernden Zeiten,
wenn etwas naht,
unter den Wissenden sein
oder allein.
Ich will dich immer spiegeln in ganzer Gestalt
und will niemals blind sein oder zu alt,
um dein schweres schwankendes Bild zu halten.
Ich will mich entfalten.
Nirgends will ich gebogen bleiben,
denn dort bin ich gelogen, wo ich gebogen bin.
Und ich will meinen Sinn
wahr vor dir. Ich will mich beschreiben
wie ein Bild, das ich sah
lange und nah,
wie ein Wort, das ich begriff,
wie meinen tglichen Krug,
wie meiner Mutter Gesicht,
wie ein Schiff,
das mich trug
durch den tdlichsten Sturm.



Du siehst, ich will viel.
Vielleicht will ich alles:
das Dunkel jedes unendlichen Falles
und jedes Steigens lichtzitterndes Spiel.

Es leben so viele und wollen nichts
und sind durch ihres leichten Gerichts
glatte Gefhle gefrstet.

Aber du freust dich jedes Gesichts,
das dient und drstet.

Du freust dich aller, die dich gebrauchen
wie ein Gert.

Noch bist du nicht kalt, und es ist nicht zu spt,
in deine werdenden Tiefen zu tauchen,
wo sich das Leben ruhig verrt.



Wir bauen an dir mit zitternden Hnden,
und wir trmen Atom auf Atom.
Aber wer kann dich vollenden,
du Dom.

Was ist Rom?
Es zerfllt.
Was ist die Welt?
Sie wird zerschlagen,
eh deine Trme Kuppeln tragen,
eh aus Meilen von Mosaik
deine strahlende Stirne stieg.
Aber manchmal im Traum
kann ich deinen Raum
berschaun
tief vom Beginne
bis zu des Daches goldenem Grate.
Und ich seh: meine Sinne
bilden und baun
die letzten Zierate.



Daraus, da einer dich einmal gewollt hat,
wei ich, da wir dich wollen drfen.
Wenn wir auch alle Tiefen verwrfen:
wenn ein Gebirge Gold hat
und keiner mehr es ergraben mag,
trgt es einmal der Flu zutag,
der in die Stille der Steine greift,
der vollen.

Auch wenn wir nicht wollen:
Gott reift.



Wer seines Lebens viele Widersinne
vershnt und dankbar in ein Sinnbild fat,
der drngt
die Lrmenden aus dem Palast,
wird anders festlich, und du bist der Gast,
den er an sanften Abenden empfngt.

Du bist der zweite seiner Einsamkeit,
die ruhige Mitte seinen Monologen;
und jeder Kreis, um dich gezogen,
spannt ihm den Zirkel aus der Zeit.



Was irren meine Hnde in den Pinseln?
Wenn ich dich _male_, Gott, du merkst es kaum.
Ich _fhle_ dich. An meiner Sinne Saum
beginnst du zgernd, wie mit vielen Inseln,
und deinen Augen, welche niemals blinzeln,
bin ich der Raum.

Du bist nicht mehr inmitten deines Glanzes,
wo alle Linien des Engeltanzes
die Fernen dir verbrauchen mit Musik, --
du wohnst in deinem allerletzten Haus.
Dein ganzer Himmel horcht in mich hinaus,
weil ich mich sinnend dir verschwieg.



Ich bin, du ngstlicher. Hrst du mich nicht
mit allen meinen Sinnen an dir branden?
Meine Gefhle, welche Flgel fanden,
umkreisen wei dein Angesicht.
Siehst du nicht meine Seele, wie sie dicht
vor dir in einem Kleid aus Stille steht?
Reift nicht mein mailiches Gebet
an deinem Blicke wie an einem Baum?

Wenn du der Trumer bist, bin ich dein Traum.
Doch wenn du wachen willst, bin ich dein Wille
und werde mchtig aller Herrlichkeit
und rnde mich wie eine Sternenstille
ber der wunderlichen Stadt der Zeit.



Mein Leben ist nicht diese steile Stunde,
darin du mich so eilen siehst.
Ich bin ein Baum vor meinem Hintergrunde,
ich bin nur einer meiner vielen Munde
und jener, welcher sich am frhsten schliet.

Ich bin die Ruhe zwischen zweien Tnen,
die sich nur schlecht aneinander gewhnen:
denn der Ton Tod will sich erhhn --

Aber im dunklen Intervall vershnen
sich beide zitternd.
                     Und das Lied bleibt schn.



Wenn ich gewachsen wre irgendwo,
wo leichtere Tage sind und schlanke Stunden,
ich htte dir ein groes Fest erfunden,
und meine Hnde hielten dich nicht so,
wie sie dich manchmal halten, bang und hart.

Dort htte ich gewagt, dich zu vergeuden,
du grenzenlose Gegenwart.
Wie einen Ball
htt ich dich in alle wogenden Freuden
hineingeschleudert, da einer dich finge
und deinem Fall
mit hohen Hnden entgegenspringe,
du Ding der Dinge.

Ich htte dich wie eine Klinge
blitzen lassen.
Vom goldensten Ringe
lie ich dein Feuer umfassen,
und er mte mirs halten
ber die weieste Hand.

Gemalt htte ich dich: nicht an die Wand,
an den Himmel selber von Rand zu Rand,
und htt dich gebildet, wie ein Gigant
dich bilden wrde: als Berg, als Brand,
als Samum, wachsend aus Wstensand --
oder
es kann auch sein: ich fand
dich einmal ...
                Meine Freunde sind weit,
ich hre kaum noch ihr Lachen schallen;
und du: du bist aus dem Nest gefallen,
bist ein junger Vogel mit gelben Krallen
und groen Augen und tust mir leid.
(Meine Hand ist dir viel zu breit.)
Und ich heb mit dem Finger vom Quell einen Tropfen
und lausche, ob du ihn lechzend langst,
und ich fhle dein Herz und meines klopfen
und beide aus Angst.



Ich finde dich in allen diesen Dingen,
denen ich gut und wie ein Bruder bin;
als Samen sonnst du dich in den geringen,
und in den groen gibst du gro dich hin.

Das ist das wundersame Spiel der Krfte,
da sie so dienend durch die Dinge gehn:
in Wurzeln wachsend, schwindend in die Schfte
und in den Wipfeln wie ein Auferstehn.



Stimme eines jungen Bruders.

Ich verrinne, ich verrinne
wie Sand, der durch Finger rinnt.
Ich habe auf einmal so viele Sinne,
die alle anders durstig sind.
Ich fhle mich an hundert Stellen
schwellen und schmerzen.
Aber am meisten mitten im Herzen.

Ich mchte sterben. La mich allein.
Ich glaube, es wird mir gelingen,
so bange zu sein,
da mir die Pulse zerspringen.



Sieh, Gott, es kommt ein Neuer an dir bauen,
der gestern noch ein Knabe war; von Frauen
sind seine Hnde noch zusammgefgt
zu einem Falten, welches halb schon lgt.
Denn seine Rechte will schon von der Linken,
um sich zu wehren oder um zu winken
und um am Arm allein zu sein.

Noch gestern war die Stirne wie ein Stein
im Bach, gerndet von den Tagen,
die nichts bedeuten als ein Wellenschlagen
und nichts verlangen, als ein Bild zu tragen
von Himmeln, die der Zufall drberhngt;
heut drngt
auf ihr sich eine Weltgeschichte
vor einem unerbittlichen Gerichte,
und sie versinkt in seinem Urteilsspruch.

Raum wird auf einem neuen Angesichte.
Es war kein Licht vor diesem Lichte,
und wie noch nie beginnt dein Buch.



Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz,
an dem wir reiften, da wir mit ihm rangen;
du groes Heimweh, das wir nicht bezwangen,
du Wald, aus dem wir nie hinausgegangen,
du Lied, das wir mit jedem Schweigen sangen,
du dunkles Netz,
darin sich flchtend die Gefhle fangen.

Du hast dich so unendlich gro begonnen
an jenem Tage, da du uns begannst, --
und wir sind so gereift in deinen Sonnen,
so breit geworden und so tief gepflanzt,
da du in Menschen, Engeln und Madonnen
dich ruhend jetzt vollenden kannst.

La deine Hand am Hang der Himmel ruhn
und dulde stumm, was wir dir dunkel tun.



Werkleute sind wir: Knappen, Jnger, Meister,
und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,
geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister
und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.

Wir steigen in die wiegenden Gerste,
in unsern Hnden hngt der Hammer schwer,
bis eine Stunde uns die Stirnen kte,
die strahlend und als ob sie alles wte
von dir kommt wie der Wind vom Meer.

Dann ist ein Hallen von dem vielen Hmmern,
und durch die Berge geht es Sto um Sto.
Erst wenn es dunkelt, lassen wir dich los:
Und deine kommenden Konturen dmmern.

Gott, du bist gro.



Du bist so gro, da ich schon nicht mehr bin,
wenn ich mich nur in deine Nhe stelle.
Du bist so dunkel; meine kleine Helle
an deinem Saum hat keinen Sinn.
Dein Wille geht wie eine Welle,
und jeder Tag ertrinkt darin.

Nur meine Sehnsucht ragt dir bis ans Kinn
und steht vor dir wie aller Engel grter:
ein fremder, bleicher und noch unerlster,
und hlt dir seine Flgel hin.

Er will nicht mehr den uferlosen Flug,
an dem die Monde bla vorberschwammen,
und von den Welten wei er lngst genug.
Mit seinen Flgeln will er wie mit Flammen
vor deinem schattigen Gesichte stehn
und will bei ihrem weien Scheine sehn,
ob deine grauen Brauen ihn verdammen.



So viele Engel suchen dich im Lichte
und stoen mit den Stirnen nach den Sternen
und wollen dich aus jedem Glanze lernen.
Mir aber ist, sooft ich von dir dichte,
da sie mit abgewendetem Gesichte
von deines Mantels Falten sich entfernen.

Denn du warst selber nur ein Gast des Golds.
Nur einer Zeit zuliebe, die dich flehte
in ihre klaren marmornen Gebete,
erschienst du wie der Knig der Komete,
auf deiner Stirne Strahlenstrme stolz.

Du kehrtest heim, da jene Zeit zerschmolz.

Ganz dunkel ist dein Mund, von dem ich wehte,
und deine Hnde sind von Ebenholz.



Das waren Tage Michelangelos,
von denen ich in fremden Bchern las.
Das war der Mann, der ber einem Ma,
gigantengro,
die Unermelichkeit verga.

Das war der Mann, der immer wiederkehrt,
wenn eine Zeit noch einmal ihren Wert,
da sie sich enden will, zusammenfat.
Da hebt noch einer ihre ganze Last
und wirft sie in den Abgrund seiner Brust.
Die vor ihm hatten Leid und Lust;
er aber fhlt nur noch des Lebens Masse
und da er alles wie ein Ding umfasse, --
nur Gott bleibt ber seinem Willen weit:
da liebt er ihn mit seinem hohen Hasse
fr diese Unerreichbarkeit.



Der Ast vom Baume Gott, der ber Italien reicht,
hat schon geblht.
Er htte vielleicht
sich schon gerne, mit Frchten gefllt, verfrht,
doch er wurde mitten im Blhen md,
und er wird keine Frchte haben.

Nur der Frhling Gottes war dort,
nur sein Sohn, das Wort,
vollendete sich.
Es wendete sich
alle Kraft zu dem strahlenden Knaben.
Alle kamen mit Gaben
zu ihm;
alle sangen wie Cherubim
seinen Preis.

Und er duftete leis
als Rose der Rosen.
Er war ein Kreis
um die Heimatlosen.
Er ging in Mnteln und Metamorphosen
durch alle steigenden Stimmen der Zeit.



Da ward auch die zur Frucht Erweckte,
die schchterne und schnerschreckte,
die heimgesuchte Magd geliebt.
Die Blhende, die Unentdeckte,
in der es hundert Wege gibt.

Da lieen sie sie gehn und schweben
und treiben mit dem jungen Jahr;
ihr dienendes Marien-Leben
ward kniglich und wunderbar.

Wie feiertgliches Gelute
ging es durch alle Huser gro;
und die einst mdchenhaft Zerstreute
war so versenkt in ihren Scho
und so erfllt von jenem Einen
und so fr Tausende genug,
da alles schien, sie zu bescheinen,
die wie ein Weinberg war und trug.



Aber als htte die Last der Fruchtgehnge
und der Verfall der Sulen und Bogengnge
und der Abgesang der Gesnge
sie beschwert,
hat die Jungfrau sich in anderen Stunden,
wie von Grerem noch unentbunden,
kommenden Wunden
zugekehrt.

Ihre Hnde, die sich lautlos lsten,
liegen leer.
Wehe, sie gebar noch nicht den Grten.
Und die Engel, die nicht trsten,
stehen fremd und furchtbar um sie her.



So hat man sie gemalt; vor allem einer,
der seine Sehnsucht aus der Sonne trug.
Ihm reifte sie aus allen Rtseln reiner,
aber im Leiden immer allgemeiner:
sein ganzes Leben war er wie ein Weiner,
dem sich das Weinen in die Hnde schlug.

Er ist der schnste Schleier ihrer Schmerzen,
der sich an ihre wehen Lippen schmiegt,
sich ber ihnen fast zum Lcheln biegt --
und von dem Licht aus sieben Engelskerzen
wird sein Geheimnis nicht besiegt.



Mit einem Ast, der jenem niemals glich,
wird Gott, der Baum, auch einmal sommerlich
verkndend werden und aus Reife rauschen;
in einem Lande, wo die Menschen lauschen,
wo jeder hnlich einsam ist wie ich.

Denn nur dem Einsamen wird offenbart,
und vielen Einsamen der gleichen Art
wird mehr gegeben als dem schmalen Einen.
Denn jedem wird ein andrer Gott erscheinen,
bis sie erkennen, nah am Weinen,
da durch ihr meilenweites Meinen,
durch ihr Vernehmen und Verneinen
verschieden nur in hundert Seinen
ein Gott wie eine Welle geht.

Das ist das endlichste Gebet,
das dann die Sehenden sich sagen:
die Wurzel Gott hat Frucht getragen,
geht hin, die Glocken zu zerschlagen;
wir kommen zu den stillern Tagen,
in denen reif die Stunde steht.
Die Wurzel Gott hat Frucht getragen.
Seid ernst und seht.



Ich kann nicht glauben, da der kleine Tod,
dem wir doch tglich bern Scheitel schauen,
uns eine Sorge bleibt und eine Not.

Ich kann nicht glauben, da er ernsthaft droht;
ich lebe noch, ich habe Zeit zu bauen:
mein Blut ist lnger als die Rosen rot.

Mein Sinn ist tiefer als das witzige Spiel
mit unsrer Furcht, darin er sich gefllt.
Ich bin die Welt,
aus der er irrend fiel.

                                 Wie er
kreisende Mnche wandern so umher;
man frchtet sich vor ihrer Wiederkehr,
man wei nicht: ist es jedesmal derselbe,
sind's zwei, sind's zehn, sind's tausend oder mehr?
Man kennt nur diese fremde gelbe Hand,
die sich ausstreckt so nackt und nah --
da da:
als km sie aus dem eigenen Gewand.



Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?
Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?)
Ich bin dein Trank (wenn ich verderbe?)
Bin dein Gewand und dein Gewerbe,
mit mir verlierst du deinen Sinn.

Nach mir hast du kein Haus, darin
dich Worte, nah und warm, begren.
Es fllt von deinen mden Fen
die Samtsandale, die ich bin.
Dein groer Mantel lt dich los.
Dein Blick, den ich mit meiner Wange
warm, wie mit einem Pfhl, empfange,
wird kommen, wird mich suchen, lange --
und legt beim Sonnenuntergange
sich fremden Steinen in den Scho.

Was wirst du tun, Gott? Ich bin bange.



Du bist der raunende Verrute,
auf allen fen schlfst du breit.
Das Wissen ist nur in der Zeit.
Du bist der dunkle Unbewute
von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Du bist der Bittende und Bange,
der aller Dinge Sinn beschwert.
Du bist die Silbe im Gesange,
die immer zitternder im Zwange
der starken Stimmen wiederkehrt.

Du hast dich anders nie gelehrt:

Denn du bist nicht der Schnumscharte,
um welchen sich der Reichtum reiht.
Du bist der Schlichte, welcher sparte.
Du bist der Bauer mit dem Barte
von Ewigkeit zu Ewigkeit.



An den jungen Bruder.

Du, gestern Knabe, dem die Wirrnis kam:
da sich dein Blut in Blindheit nicht vergeude.
Du meinst nicht den Genu, du meinst die Freude;
du bist gebildet als ein Brutigam,
und deine Braut soll werden: deine Scham.

Die groe Lust hat auch nach dir Verlangen,
und alle Arme sind auf einmal nackt.
Auf frommen Bildern sind die bleichen Wangen
von fremden Feuern berflackt;
und deine Sinne sind wie viele Schlangen,
die, von des Tones Rot umfangen,
sich spannen in der Tamburine Takt.

Und pltzlich bist du ganz allein gelassen
mit deinen Hnden, die dich hassen --
und wenn dein Wille nicht ein Wunder tut:
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Aber da gehen wie durch dunkle Gassen
von Gott Gerchte durch dein dunkles Blut.



An den jungen Bruder.

Dann bete du, wie es dich dieser lehrt,
der selber aus der Wirrnis wiederkehrt
und so, da er zu heiligen Gestalten,
die alle ihres Wesens Wrde halten,
in einer Kirche und auf goldnen Smalten
die Schnheit malte, und sie hielt ein Schwert.

Er lehrt dich sagen:
                   Du mein tiefer Sinn,
vertraue mir, da ich dich nicht enttusche;
in meinem Blute sind so viel Gerusche,
ich aber wei, da ich aus Sehnsucht bin.

Ein groer Ernst bricht ber mich herein.
In seinem Schatten ist das Leben khl.
Ich bin zum erstenmal mit dir allein,
du, mein Gefhl.
Du bist so mdchenhaft.

Es war ein Weib in meiner Nachbarschaft
und winkte mir aus welkenden Gewndern.
Du aber sprichst mir von so fernen Lndern.
Und meine Kraft
schaut nach den Hgelrndern.



Ich habe Hymnen, die ich schweige.
Es gibt ein Aufgerichtetsein,
darin ich meine Sinne neige:
du siehst mich gro, und ich bin klein.
Du kannst mich dunkel unterscheiden
von jenen Dingen, welche knien;
sie sind wie Herden, und sie weiden,
ich bin der Hirt am Hang der Heiden,
vor welchem sie zu Abend ziehn.
Dann komm ich hinter ihnen her
und hre dumpf die dunklen Brcken,
und in dem Rauch von ihren Rcken
verbirgt sich meine Wiederkehr.



Gott, wie begreif ich deine Stunde,
als du, da sie im Raum sich runde,
die Stimme vor dich hingestellt;
dir war das Nichts wie eine Wunde,
da khltest du sie mit der Welt.
Jetzt heilt es leise unter uns.

Denn die Vergangenheiten tranken
die vielen Fieber aus dem Kranken,
wir fhlen schon in sanftem Schwanken
den ruhigen Puls des Hintergrunds.

Wir liegen lindernd auf dem Nichts,
und wir verhllen alle Risse;
du aber wchst ins Ungewisse
im Schatten deines Angesichts.



Alle, die ihre Hnde regen
nicht in der Zeit, der armen Stadt,
alle, die sie an Leises legen,
an eine Stelle, fern den Wegen,
die kaum noch einen Namen hat, --
sprechen dich aus, du Alltagssegen,
und sagen sanft auf einem Blatt:

Es gibt im Grunde nur Gebete,
so sind die Hnde uns geweiht,
da sie nichts schufen, was nicht flehte;
ob einer malte oder mhte,
schon aus dem Ringen der Gerte
entfaltete sich Frmmigkeit.

Die Zeit ist eine vielgestalte.
Wir hren manchmal von der Zeit
und tun das Ewige und Alte;
wir wissen, da uns Gott umwallte
gro wie ein Bart und wie ein Kleid.
Wir sind wie Adern im Basalte
in Gottes harter Herrlichkeit.



Der Name ist uns wie ein Licht
hart an die Stirn gestellt.
Da senkte sich mein Angesicht
vor diesem zeitigen Gericht
und sah (von dem es seither spricht)
dich, groes dunkelndes Gewicht
an mir und an der Welt.

Du bogst mich langsam aus der Zeit,
in die ich schwankend stieg;
ich neigte mich nach leisem Streit:
jetzt dauert deine Dunkelheit
um deinen sanften Sieg.

Jetzt hast du mich und weit nicht wen,
denn deine breiten Sinne sehn
nur, da ich dunkel ward.
Du hltst mich seltsam zart
und horchst, wie meine Hnde gehn
durch deinen alten Bart.



Dein allererstes Wort war: Licht:
da ward die Zeit. Dann schwiegst du lange.
Dein zweites Wort ward Mensch und bange
(wir dunkeln noch in seinem Klange),
und wieder sinnt dein Angesicht.

Ich aber will dein drittes nicht.
Ich bete nachts oft: Sei der Stumme,
der wachsend in Gebrden bleibt
und den der Geist im Traume treibt,
da er des Schweigens schwere Summe
in Stirnen und Gebirge schreibt.

Sei du die Zuflucht vor dem Zorne,
der das Unsagbare verstie.
Es wurde Nacht im Paradies:
sei du der Hter mit dem Horne,
und man erzhlt nur, da er blies.



Du kommst und gehst. Die Tren fallen
viel sanfter zu, fast ohne Wehn.
Du bist der Leiseste von allen,
die durch die leisen Huser gehn.

Man kann sich so an dich gewhnen,
da man nicht aus dem Buche schaut,
wenn seine Bilder sich verschnen,
von deinem Schatten berblaut;
weil dich die Dinge immer tnen
nur einmal leis und einmal laut.

Oft wenn ich dich in Sinnen sehe,
verteilt sich deine Allgestalt;
du gehst wie lauter lichte Rehe,
und ich bin dunkel und bin Wald.

Du bist ein Rad, an dem ich stehe:
von deinen vielen dunklen Achsen
wird immer wieder eine schwer
und dreht sich nher zu mir her,
und meine willigen Werke wachsen
von Wiederkehr zu Wiederkehr.



Du bist der Tiefste, welcher ragte,
der Taucher und der Trme Neid.
Du bist der Sanfte, der sich sagte,
und doch: wenn dich ein Feiger fragte,
so schwelgtest du in Schweigsamkeit.

Du bist der Wald der Widersprche.
Ich darf dich wiegen wie ein Kind,
und doch vollziehn sich deine Flche,
die ber Vlkern furchtbar sind.

Dir ward das erste Buch geschrieben,
das erste Bild versuchte dich,
du warst im Leiden und im Lieben,
dein Ernst war wie aus Erz getrieben
auf jeder Stirn, die mit den sieben
erfllten Tagen dich verglich.

Du gingst in Tausenden verloren,
und alle Opfer wurden kalt;
bis du in hohen Kirchenchoren
dich rhrtest hinter goldnen Toren;
und eine Bangnis, die geboren,
umgrtete dich mit Gestalt.



Ich wei: Du bist der Rtselhafte,
um den die Zeit in Zgern stand.
O wie so schn ich dich erschaffte
in einer Stunde, die mich straffte,
in einer Hoffart meiner Hand.

Ich zeichnete viel ziere Risse,
behorchte alle Hindernisse, --
dann wurden mir die Plne krank:
es wirrten sich wie Dorngerank
die Linien und die Ovale,
bis tief in mir mit einem Male
aus einem Griff ins Ungewisse
die frommste aller Formen sprang.

Ich kann mein Werk nicht berschaun
und fhle doch: es steht vollendet.
Aber, die Augen abgewendet,
will ich es immer wieder baun.



So ist mein Tagwerk, ber dem
mein Schatten liegt wie eine Schale.
Und bin ich auch wie Laub und Lehm,
sooft ich bete oder male,
ist Sonntag, und ich bin im Tale
ein jubelndes Jerusalem.

Ich bin die stolze Stadt des Herrn
und sage ihn mit hundert Zungen;
in mir ist Davids Dank verklungen:
ich lag in Harfendmmerungen
und atmete den Abendstern.

Nach Aufgang gehen meine Gassen.
Und bin ich lang vom Volk verlassen,
so ist's: damit ich grer bin.

Ich hre jeden in mir schreiten
und breite meine Einsamkeiten
von Anbeginn zu Anbeginn.



Ihr vielen unbestrmten Stdte,
habt ihr euch nie den Feind ersehnt?
O da er euch belagert htte
ein langes schwankendes Jahrzehnt.

Bis ihr ihn trostlos und in Trauern,
bis da ihr hungernd ihn ertrugt;
er liegt wie Landschaft vor den Mauern,
denn also wei er auszudauern
um jene, die er heimgesucht.

Schaut aus vom Rande eurer Dcher:
da lagert er und wird nicht matt
und wird nicht weniger und schwcher
und schickt nicht Droher und Versprecher
und berreder in die Stadt.

Er ist der groe Mauerbrecher,
der eine stumme Arbeit hat.



Ich komme aus meinen Schwingen heim,
mit denen ich mich verlor.
Ich war Gesang, und Gott, der Reim,
rauscht noch in meinem Ohr.

Ich werde wieder still und schlicht,
und meine Stimme steht;
es senkte sich mein Angesicht
zu besserem Gebet.
Den andern war ich wie ein Wind,
da ich sie rttelnd rief.
Weit war ich, wo die Engel sind,
hoch, wo das Licht in nichts zerrinnt --
Gott aber dunkelt tief.

Die Engel sind das letzte Wehn
an seines Wipfels Saum;
da sie aus seinen sten gehn,
ist ihnen wie ein Traum.
Sie glauben dort dem Lichte mehr
als Gottes schwarzer Kraft,
es flchtete sich Luzifer
in ihre Nachbarschaft.

Er ist der Frst im Land des Lichts,
und seine Stirne steht
so steil am groen Glanz des Nichts,
da er, versengten Angesichts,
nach Finsternissen fleht.
Er ist der helle Gott der Zeit,
zu dem sie laut erwacht,
und weil er oft in Schmerzen schreit
und oft in Schmerzen lacht,
glaubt sie an seine Seligkeit
und hangt an seiner Macht.

Die Zeit ist wie ein welker Rand
an einem Buchenblatt.
Sie ist das glnzende Gewand,
das Gott verworfen hat,
als Er, der immer Tiefe war,
ermdete des Flugs
und sich verbarg vor jedem Jahr,
bis ihm sein wurzelhaftes Haar
durch alle Dinge wuchs.



Du wirst nur mit der Tat erfat,
mit Hnden nur erhellt;
ein jeder Sinn ist nur ein Gast
und sehnt sich aus der Welt.

Ersonnen ist ein jeder Sinn,
man fhlt den feinen Saum darin
und da ihn einer spann:
Du aber kommst und gibst dich hin
und fllst den Flchtling an.

Ich will nicht wissen, wo du bist,
sprich mir aus berall.
Dein williger Evangelist
verzeichnet alles und vergit
zu schauen nach dem Schall.

Ich geh doch immer auf dich zu
mit meinem ganzen Gehn;
denn wer bin ich und wer bist du,
wenn wir uns nicht verstehn?



Mein Leben hat das gleiche Kleid und Haar
wie aller alten Zaren Sterbestunde.
Die Macht entfremdete nur meinem Munde,
doch meine Reiche, die ich schweigend runde,
versammeln sich in meinem Hintergrunde
und meine Sinne sind noch Gossudar.

Fr sie ist beten immer noch: erbauen,
aus allen Maen bauen, da das Grauen
fast wie die Gre wird und schn, --
und: jedes Hinknien und Vertrauen
(da es die andern nicht beschauen)
mit vielen goldenen und blauen
und bunten Kuppeln berhhn.

Denn was sind Kirchen und sind Klster
in ihrem Steigen und Erstehn
als Harfen, tnende Vertrster,
durch die die Hnde Halberlster
vor Knigen und Jungfraun gehn.



Und Gott befiehlt mir, da ich schriebe:

          Den Knigen sei Grausamkeit.
          Sie ist der Engel vor der Liebe,
          und ohne diesen Bogen bliebe
          mir keine Brcke in die Zeit.

Und Gott befiehlt mir, da ich male:

          Die Zeit ist mir mein tiefstes Weh,
          so legte ich in ihre Schale:
          das wache Weib, die Wundenmale,
          den reichen Tod (da er sie zahle),
          der Stdte bange Bacchanale,
          den Wahnsinn und die Knige.

Und Gott befiehlt mir, da ich baue:

          Denn Knig bin ich von der Zeit.
          Dir aber bin ich nur der graue
          Mitwisser deiner Einsamkeit.
          Und bin das Auge mit der Braue ...

Das ber meine Schulter schaue
von Ewigkeit zu Ewigkeit.



Es tauchten tausend Theologen
in deines Namens alte Nacht.
Jungfrauen sind zu dir erwacht,
und Jnglinge in Silber zogen
und schimmerten in dir, du Schlacht.

In deinen langen Bogengngen
begegneten die Dichter sich
und waren Knige von Klngen
und mild und tief und meisterlich.

Du bist die sanfte Abendstunde,
die alle Dichter hnlich macht;
du drngst dich dunkel in die Munde,
und im Gefhl von einem Funde
umgibt ein jeder dich mit Pracht.

Dich heben hunderttausend Harfen
wie Schwingen aus der Schweigsamkeit.
Und deine alten Winde warfen
zu allen Dingen und Bedarfen
den Hauch von deiner Herrlichkeit.



Die Dichter haben dich verstreut
(es ging ein Sturm durch alles Stammeln),
ich aber will dich wieder sammeln
in dem Gef, das dich erfreut.

Ich wanderte in vielem Winde;
da triebst du tausendmal darin.
Ich bringe alles, was ich finde:
als Becher brauchte dich der Blinde,
sehr tief verbarg dich das Gesinde,
der Bettler aber hielt dich hin;
und manchmal war bei einem Kinde
ein groes Stck von deinem Sinn.

Du siehst, da ich ein Sucher bin.

Einer, der hinter seinen Hnden
verborgen geht und wie ein Hirt;
(mgst du den Blick, der ihn beirrt,
den Blick der Fremden von ihm wenden.)
Einer, der trumt, dich zu vollenden
und: da er sich vollenden wird.



Selten ist die Sonne im Sobr.
Die Wnde wachsen aus Gestalten,
und durch die Jungfraun und die Alten
drngt sich, wie Flgel im Entfalten,
das goldene, das Kaiser-Tor.

An seinem Sulenrand verlor
die Wand sich hinter den Ikonen;
und, die im stillen Silber wohnen,
die Steine steigen wie ein Chor
und fallen wieder in die Kronen
und schweigen schner als zuvor.

Und ber sie, wie Nchte blau,
von Angesichte bla,
schwebt, die dich freuete, die Frau:
die Pfrtnerin, der Morgentau,
die dich umblht wie eine Au
und ohne Unterla.

Die Kuppel ist voll deines Sohns
und bindet rund den Bau.

Willst du geruhen deines Throns,
den ich in Schauern schau.



Da trat ich als ein Pilger ein
und fhlte voller Qual
an meiner Stirne dich, du Stein.
Mit Lichtern, sieben an der Zahl,
umstellte ich dein dunkles Sein
und sah in jedem Bilde dein
brunliches Muttermal.

Da stand ich, wo die Bettler stehn,
die schlecht und hager sind:
aus ihrem Auf- und Niederwehn
begriff ich dich, du Wind.
Ich sah den Bauer, berjahrt,
brtig wie Joachim,
und daraus, wie er dunkel ward,
von lauter hnlichen umschart,
empfand ich dich wie nie so zart
so ohne Wort geoffenbart
in allen und in ihm.

Du lt der Zeit den Lauf,
und dir ist niemals Ruh darin:
der Bauer findet deinen Sinn
und hebt ihn auf und wirft ihn hin
und hebt ihn wieder auf.



Wie der Wchter in den Weingelnden
seine Htte hat und wacht,
bin ich Htte, Herr, in deinen Hnden
und bin Nacht, o Herr, von deiner Nacht.

Weinberg, Weide, alter Apfelgarten,
Acker, der kein Frhjahr berschlgt,
Feigenbaum, der auch im marmorharten
Grunde hundert Frchte trgt:

Duft geht aus aus deinen runden Zweigen.
Und du fragst nicht, ob ich wachsam sei;
furchtlos, aufgelst in Sften, steigen
deine Tiefen still an mir vorbei.



Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte sind:

Von deinen Sinnen hinausgesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gib mir Gewand.

Hinter den Dingen wachse als Brand,
da ihre Schatten ausgespannt
immer mich ganz bedecken.

La dir alles geschehn: Schnheit und Schrecken.
Man mu nur gehn: Kein Gefhl ist das fernste.
La dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.

Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.

Gib mir die Hand.



Ich war bei den ltesten Mnchen, den Malern und Mythenmeldern,
die schrieben ruhig Geschichten und zeichneten Runen des Ruhms.
Und ich seh dich in meinen Gesichten mit Winden, Wassern und Wldern
rauschend am Rande des Christentums,
du Land, nicht zu lichten.

Ich will dich erzhlen, ich will dich beschaun und beschreiben,
nicht mit Bol und mit Gold, nur mit Tinte aus Apfelbaumrinden;
ich kann auch mit Perlen dich nicht an die Bltter binden,
und das zitterndste Bild, das mir meine Sinne erfinden,
du wrdest es blind durch dein einfaches Sein bertreiben.

So will ich die Dinge in dir nur bescheiden und schlichthin benamen,
will die Knige nennen, die ltesten, woher sie kamen,
und will ihre Taten und Schlachten berichten am Rand meiner Seiten.
Denn du bist der Boden. Dir sind nur wie Sommer die Zeiten,
und du denkst an die nahen nicht anders als an die entfernten
und ob sie dich tiefer besamen und besser bebauen lernten:
du fhlst dich nur leise berhrt von den hnlichen Ernten
und hrst weder Ser noch Schnitter, die ber dich schreiten.



Du dunkelnder Grund, geduldig ertrgst du die Mauern.
Und vielleicht erlaubst du noch eine Stunde den Stdten zu dauern
und gewhrst noch zwei Stunden den Kirchen und einsamen Klstern
und lssest fnf Stunden noch Mhsal allen Erlstern
und siehst noch sieben Stunden das Tagwerk des Bauern --:

Eh du wieder Wald wirst und Wasser und wachsende Wildnis
       in der Stunde der unerfalichen Angst,
       da du dein unvollendetes Bildnis
        von allen Dingen zurckverlangst.

Gib mir noch eine kleine Weile Zeit: ich will die Dinge so wie keiner lieben,
       bis sie dir alle wrdig sind und weit.
       Ich will nur sieben Tage, sieben,
       auf die sich keiner noch geschrieben,
        sieben Seiten Einsamkeit.

       Wem du das Buch gibst, welches die umfat,
       der wird gebckt ber den Blttern bleiben.
       Es sei denn, da du ihn in Hnden hast,
        um selbst zu schreiben.



So bin ich nur als Kind erwacht,
so sicher im Vertraun,
nach jeder Angst und jeder Nacht
dich wieder anzuschaun.
Ich wei, sooft mein Denken mit,
wie tief, wie lang, wie weit --:
du aber bist und bist und bist,
umzittert von der Zeit.

Mir ist, als wr ich jetzt zugleich
Kind, Knab und Mann und mehr.
Ich fhle nur, der Ring ist reich
durch seine Wiederkehr.

Ich danke dir, du tiefe Kraft,
die immer leiser mit mir schafft
wie hinter vielen Wnden;
jetzt ward mir erst der Werktag schlicht
und wie ein heiliges Gesicht
zu meinen dunklen Hnden.



Da ich nicht war vor einer Weile,
weit du davon? Und du sagst nein.
Da fhl ich, wenn ich nur nicht eile,
so kann ich nie vergangen sein.

Ich bin ja mehr als Traum im Traume.
Nur was sich sehnt nach einem Saume,
ist wie ein Tag und wie ein Ton;
es drngt sich fremd durch deine Hnde,
da es die viele Freiheit fnde,
und traurig lassen sie davon.

So blieb das Dunkel dir allein,
und, wachsend in die leere Lichte,
erhob sich eine Weltgeschichte
aus immer blinderem Gestein.
Ist einer noch, der daran baut?
Die Massen wollen wieder Massen,
die Steine sind wie losgelassen,

und keiner ist von dir behauen.



Es lrmt das Licht im Wipfel deines Baumes
und macht dir alle Dinge bunt und eitel,
sie finden dich erst, wenn der Tag verglomm.
Die Dmmerung, die Zrtlichkeit des Raumes,
legt tausend Hnde ber tausend Scheitel,
und unter ihnen wird das Fremde fromm.

Du willst die Welt nicht anders an dich halten
als so, mit dieser sanftesten Gebrde.
Aus ihren Himmeln greifst du dir die Erde
und fhlst sie unter deines Mantels Falten.

Du hast so eine leise Art zu sein.
Und jene, die dir laute Namen weihn,
sind schon vergessen deiner Nachbarschaft.
Von deinen Hnden, die sich bergig heben,
steigt, unsern Sinnen das Gesetz zu geben,
mit dunkler Stirne deine stumme Kraft.



Du Williger, und deine Gnade kam
immer in alle ltesten Gebrden.
Wenn einer die Hnde zusammenflicht,
so da sie zahm
und um ein kleines Dunkel sind --:
auf einmal fhlt er dich in ihnen werden,
und wie im Winde
senkt sich sein Gesicht
in Scham.
Und da versucht er, auf dem Stein zu liegen
und aufzustehn, wie er bei andern sieht,
und seine Mhe ist, dich einzuwiegen
aus Angst, da er dein Wachsein schon verriet.

Denn wer dich fhlt, kann sich mit dir nicht brsten;
er ist erschrocken, bang um dich und flieht
vor allen Fremden, die dich merken mten:

du bist das Wunder in den Wsten,
das Ausgewanderten geschieht.



Eine Stunde vom Rande des Tages,
und das Land ist zu allem bereit.
Was du sehnst, meine Seele, sag es:

Sei Heide und, Heide, sei weit.
Habe alte, alte Kurgane,
wachsend und kaum erkannt,
wenn es Mond wird ber das plane,
langvergangene Land.
Gestalte dich, Stille. Gestalte
die Dinge (es ist ihre Kindheit,
sie werden dir willig sein).
Sei Heide, sei Heide, sei Heide,
dann kommt vielleicht auch der Alte,
den ich kaum von der Nacht unterscheide,
und bringt seine riesige Blindheit
in mein horchendes Haus herein.

Ich seh ihn sitzen und sinnen,
nicht ber mich hinaus;
fr ihn ist alles innen,
Himmel und Heide und Haus.
Nur die Lieder sind ihm verloren,
die er nie mehr beginnt;
aus vielen tausend Ohren
trank sie die Zeit und der Wind;
aus den Ohren der Toren.



Und dennoch: mir geschieht,
als ob ich ein jedes Lied
tief in mir ihm ersparte.

Er schweigt hinterm bebenden Barte,
er mchte sich wiedergewinnen
aus seinen Melodien.
Da komm ich zu seinen Knien:

und seine Lieder rinnen
rauschend zurck in ihn.




                        Zweites Buch

                Das Buch von der Pilgerschaft

                           (1901)


Dich wundert nicht des Sturmes Wucht, --
du hast ihn wachsen sehn; --
die Bume flchten. Ihre Flucht
schafft reitende Alleen.
Da weit du, der, vor dem sie fliehn,
ist der, zu dem du gehst,
und deine Sinne singen ihn,
wenn du am Fenster stehst.

Des Sommers Wochen standen still,
es stieg der Bume Blut;
jetzt fhlst du, da es fallen will
in den, der alles tut.
Du glaubtest schon erkannt die Kraft,
als du die Frucht erfat,
jetzt wird sie wieder rtselhaft,
und du bist wieder Gast.

Der Sommer war so wie dein Haus,
drin weit du alles stehn --
jetzt mut du in dein Herz hinaus
wie in die Ebene gehn.
Die groe Einsamkeit beginnt,
die Tage werden taub,
aus deinen Sinnen nimmt der Wind
die Welt wie welkes Laub.

Durch ihre leeren Zweige sieht
der Himmel, den du hast;
sei Erde jetzt und Abendlied
und Land, darauf er pat.
Demtig sei jetzt wie ein Ding,
zu Wirklichkeit gereift, --
da Der, von dem die Kunde ging,
dich fhlt, wenn er dich greift.



Ich bete wieder, du Erlauchter,
du hrst mich wieder durch den Wind,
weil meine Tiefen nie gebrauchter
rauschender Worte mchtig sind.

Ich war zerstreut; an Widersacher
in Stcken war verteilt mein Ich.
O Gott, mich lachten alle Lacher,
und alle Trinker tranken mich.

In Hfen hab ich mich gesammelt
aus Abfall und aus altem Glas,
mit halbem Mund dich angestammelt,
dich, Ewiger aus Ebenma.
Wie hob ich meine halben Hnde
zu dir in namenlosem Flehn,
da ich die Augen wiederfnde,
mit denen ich dich angesehn.

Ich war ein Haus nach einem Brand,
darin nur Mrder manchmal schlafen,
eh ihre hungerigen Strafen
sie weiterjagen in das Land;
ich war wie eine Stadt am Meer,
wenn eine Seuche sie bedrngte,
die sich wie eine Leiche schwer
den Kindern an die Hnde hngte.

Ich war mir fremd wie irgendwer
und wute nur von ihm, da er
einst meine junge Mutter krnkte,
als sie mich trug,
und da ihr Herz, das eingeengte,
sehr schmerzhaft an mein Keimen schlug.

Jetzt bin ich wieder aufgebaut
aus allen Stcken meiner Schande
und sehne mich nach einem Bande,
nach einem einigen Verstande,
der mich wie ein Ding berschaut, --
nach deines Herzens groen Hnden --
(o kmen sie doch auf mich zu)
ich zhle mich, mein Gott, und du,
du hast das Recht, mich zu verschwenden.



Ich bin derselbe noch, der kniete
vor dir im mnchischen Gewand:
der tiefe, dienende Levite,
den du erfllt, der dich erfand.
Die Stimme einer stillen Zelle,
an der die Welt vorberweht, --
und du bist immer noch die Welle,
die ber alle Dinge geht.

Es ist nichts andres. Nur ein Meer,
aus dem die Lnder manchmal steigen.
Es ist nichts andres denn ein Schweigen
von schnen Engeln und von Geigen,
und der Verschwiegene ist der,
zu dem sich alle Dinge neigen
von seiner Strke Strahlen schwer.

Bist du denn alles, -- ich der Eine,
der sich ergibt und sich emprt?
Bin ich denn nicht das Allgemeine,
bin ich nicht Alles, wenn ich weine,
und du der Eine, der es hrt?
Hrst du denn etwas neben mir?
Sind da noch Stimmen auer meiner?
Ist da ein Sturm? Auch ich bin einer,
und meine Wlder winken dir.

Ist da ein Lied, ein krankes, kleines,
das dich am Micherhren strt, --
auch ich bin eines, hre meines,
das einsam ist und unerhrt.

Ich bin derselbe noch, der bange
dich manchmal fragte, wer du seist.
Nach jedem Sonnenuntergange
bin ich verwundet und verwaist,
ein blasser allem Abgelster
und ein Verschmhter jeder Schar,
und alle Dinge stehn wie Klster,
in denen ich gefangen war.
Dann brauch ich dich, du Eingeweihter,
du sanfter Nachbar jeder Not,
du meines Leidens leiser Zweiter,
du Gott, dann brauch ich dich wie Brot.
Du weit vielleicht nicht, wie die Nchte
fr Menschen, die nicht schlafen, sind:
da sind sie alle Ungerechte,
der Greis, die Jungfrau und das Kind.
Sie fahren auf wie totgesagt,
von schwarzen Dingen nah umgeben,
und ihre weien Hnde beben
verwoben in ein wildes Leben,
wie Hunde in ein Bild der Jagd.
Vergangenes steht noch bevor,
und in der Zukunft liegen Leichen,
ein Mann im Mantel pocht am Tor,
und mit dem Auge und dem Ohr
ist noch kein erstes Morgenzeichen,
kein Hahnruf ist noch zu erreichen.
Die Nacht ist wie ein groes Haus.
Und mit der Angst der wunden Hnde
reien sie Tren in die Wnde, --
dann kommen Gnge ohne Ende,
und nirgends ist ein Tor hinaus.

Und so, mein Gott, ist jede Nacht;
immer sind welche aufgewacht,
die gehn und gehn und dich nicht finden.
Hrst du sie mit dem Schritt von Blinden
das Dunkel treten?
Auf Treppen, die sich niederwinden,
hrst du sie beten?
Hrst du sie fallen auf den schwarzen Steinen?
Du mut sie weinen hren; denn sie weinen.
Ich suche dich, weil sie vorbergehn
an meiner Tr. Ich kann sie beinah sehn.
Wen soll ich rufen, wenn nicht den,
der dunkel ist und nchtiger als Nacht,
den Einzigen, der ohne Lampe wacht
und doch nicht bangt; den Tiefen, den das Licht
noch nicht verwhnt hat und von dem ich wei,
weil er mit Bumen aus der Erde bricht
und weil er leis
als Duft in mein gesenktes Angesicht
aus Erde steigt.



Du Ewiger, du hast dich mir gezeigt.
Ich liebe dich wie einen lieben Sohn,
der mich einmal verlassen hat als Kind,
weil ihn das Schicksal rief auf einen Thron,
vor dem die Lnder alle Tler sind.
Ich bin zurckgeblieben wie ein Greis,
der seinen groen Sohn nicht mehr versteht
und wenig von den neuen Dingen wei,
zu welchen seines Samens Wille geht.
Ich bebe manchmal fr dein tiefes Glck,
das auf so vielen fremden Schiffen fhrt,
ich wnsche manchmal dich in mich zurck,
in dieses Dunkel, das dich grogenhrt.
Ich bange manchmal, da du nicht mehr bist,
wenn ich mich sehr verliere an die Zeit.
Dann les ich von dir: Der Evangelist
schreibt berall von deiner Ewigkeit.

Ich bin der Vater; doch der Sohn ist mehr,
ist alles, was der Vater war, und der,
der er nicht wurde, wird in jenem gro;
er ist die Zukunft und die Wiederkehr,
er ist der Scho, er ist das Meer ...



Dir ist mein Beten keine Blasphemie:
als schlge ich in alten Bchern nach,
da ich dir sehr verwandt bin -- tausendfach.

Ich will dir Liebe geben. Die und die ...

Liebt man denn einen Vater? Geht man nicht,
wie du von mir gingst, Hrte im Gesicht,
von seinen hlflos leeren Hnden fort?
Legt man nicht leise sein verwelktes Wort
in alte Bcher, die man selten liest?
Fliet man nicht wie von einer Wasserscheide
von seinem Herzen ab zu Lust und Leide?
Ist uns der Vater denn nicht das, was war;
vergangne Jahre, welche fremd gedacht,
veraltete Gebrde, tote Tracht,
verblhte Hnde und verblichnes Haar?
Und war er selbst fr seine Zeit ein Held,
er ist das Blatt, das, wenn wir wachsen, fllt.



Und seine Sorgfalt ist uns wie ein Alp,
und seine Stimme ist uns wie ein Stein, --
wir mchten seiner Rede hrig sein,
aber wir hren seine Worte halb.
Das groe Drama zwischen ihm und uns
lrmt viel zu laut, einander zu verstehn,
wir sehen nur die Formen seines Munds,
aus denen Silben fallen, die vergehn.
So sind wir noch viel ferner ihm als fern,
wenn auch die Liebe uns noch weit verwebt,
erst wenn er sterben mu auf diesem Stern,
sehn wir, da er auf diesem Stern gelebt.

Das ist der Vater uns. Und ich -- ich soll
dich Vater nennen?
Das hiee tausendmal mich von dir trennen.
Du bist mein Sohn. Ich werde dich erkennen,
wie man sein einzigliebes Kind erkennt, auch dann,
wenn es ein Mann geworden ist, ein alter Mann.



Lsch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hren,
und ohne Fe kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwren.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.



Und meine Seele ist ein Weib vor dir.
Und ist wie der Nami Schnur, wie Ruth.
Sie geht bei Tag um deiner Garben Hauf
wie eine Magd, die tiefe Dienste tut.
Aber am Abend steigt sie in die Flut
und badet sich und kleidet sich sehr gut
und kommt zu dir, wenn alles um dich ruht,
und kommt und deckt zu deinen Fen auf.
Und fragst du sie um Mitternacht, sie sagt
mit tiefer Einfalt: Ich bin Ruth, die Magd.
Spann deine Flgel ber deine Magd.
Du bist der Erbe ...

Und meine Seele schlft dann, bis es tagt,
bei deinen Fen, warm von deinem Blut.
Und ist ein Weib vor dir. Und ist wie Ruth.



Du bist der Erbe.
Shne sind die Erben,
denn Vter sterben.
Shne stehn und blhn.
    Du bist der Erbe.



Und du erbst das Grn
vergangner Grten und das stille Blau
zerfallner Himmel.
Tau aus tausend Tagen,
die vielen Sommer, die die Sonnen sagen,
und lauter Frhlinge mit Glanz und Klagen,
wie viele Briefe einer jungen Frau.
Du erbst die Herbste, die wie Prunkgewnder
in der Erinnerung von Dichtern liegen,
und alle Winter, wie verwaiste Lnder,
scheinen sich leise an dich anzuschmiegen.
Du erbst Venedig und Kasan und Rom,
Florenz wird dein sein, der Pisaner Dom,
die Trotzka Lawra und das Monastir,
das unter Kiews Grten ein Gewirr
von Gngen bildet, dunkel und verschlungen, --
Moskau mit Glocken wie Erinnerungen, --
und Klang wird dein sein: Geigen, Hrner, Zungen,
und jedes Lied, das tief genug erklungen,
wird an dir glnzen wie ein Edelstein.

Fr dich nur schlieen sich die Dichter ein
und sammeln Bilder, rauschende und reiche,
und gehn hinaus und reifen durch Vergleiche
und sind ihr ganzes Leben so allein ...
Und Maler malen ihre Bilder nur,
damit du unvergnglich die Natur,
die du vergnglich schufst, zurckempfngst:
alles wird ewig. Sieh, das Weib ist lngst
in der Madonna Lisa reif wie Wein;
es mte nie ein Weib mehr sein,
denn Neues bringt kein neues Weib hinzu.
Die, welche bilden, sind wie du.
Sie wollen Ewigkeit. Sie sagen: Stein,
sei ewig. Und das heit: sei dein!

Und auch, die lieben, sammeln fr dich ein:
Sie sind die Dichter einer kurzen Stunde,
sie kssen einem ausdruckslosen Munde
ein Lcheln auf, als formten sie ihn schner,
und bringen Lust und sind die Angewhner
zu Schmerzen, welche erst erwachsen machen.
Sie bringen Leiden mit in ihrem Lachen,
Sehnschte, welche schlafen, und erwachen,
um aufzuweinen in der fremden Brust.
Sie hufen Rtselhaftes an und sterben,
wie Tiere sterben, ohne zu begreifen, --
aber sie werden vielleicht Enkel haben,
in denen ihre grnen Leben reifen;
durch diese wirst du jene Liebe erben,
die sie sich blind und wie im Schlafe gaben.
So fliet der Dinge berflu dir zu.
Und wie die obern Becken von Fontnen
bestndig berstrmen, wie von Strhnen
gelsten Haares, in die tiefste Schale, --
so fllt die Flle dir in deine Tale,
wenn Dinge und Gedanken bergehn.



Ich bin nur einer deiner Ganzgeringen,
der in das Leben aus der Zelle sieht
und der, den Menschen ferner als den Dingen,
nicht wagt zu wgen, was geschieht.
Doch willst du mich vor deinem Angesicht,
aus dem sich dunkel deine Augen heben,
dann halte es fr meine Hoffart nicht,
wenn ich dir sage: Keiner lebt sein Leben.
Zuflle sind die Menschen, Stimmen, Stcke,
Alltage, ngste, viele kleine Glcke,
verkleidet schon als Kinder, eingemummt,
als Masken mndig, als Gesicht verstummt.

Ich denke oft: Schatzhuser mssen sein,
wo alle diese vielen Leben liegen
wie Panzer oder Snften oder Wiegen,
in welche nie ein Wirklicher gestiegen,
und wie Gewnder, welche ganz allein
nicht stehen knnen und sich sinkend schmiegen
an starke Wnde aus gewlbtem Stein.
Und wenn ich abends immer weiterginge
aus meinem Garten, drin ich mde bin, --
ich wei: Dann fhren alle Wege hin
zum Arsenal der ungelebten Dinge.
Dort ist kein Baum, als legte sich das Land,
und wie um ein Gefngnis hngt die Wand
ganz fensterlos in siebenfachem Ringe.
Und ihre Tore mit den Eisenspangen,
die denen wehren, welche hinverlangen,
und ihre Gitter sind von Menschenhand.



Und doch, obwohl ein jeder von sich strebt
wie aus dem Kerker, der ihn hat und hlt, --
es ist ein groes Wunder in der Welt:
ich fhle: _alles Leben wird gelebt._
Wer lebt es denn? Sind das die Dinge, die
wie eine ungespielte Melodie
im Abend wie in einer Harfe stehn?
Sind das die Winde, die von Wassern wehn,
sind das die Zweige, die sich Zeichen geben,
sind das die Blumen, die die Dfte weben,
sind das die langen alternden Alleen?
Sind das die warmen Tiere, welche gehn,
sind das die Vgel, die sich fremd erheben?
Wer lebt es denn? Lebst du es, Gott, -- das Leben?



Du bist der Alte, dem die Haare
von Ru versengt sind und verbrannt,
du bist der groe Unscheinbare
mit deinem Hammer in der Hand.
Du bist der Schmied, das Lied der Jahre,
der immer an dem Ambo stand.

Du bist, der niemals Sonntag hat,
der in die Arbeit Eingekehrte,
der sterben knnte berm Schwerte,
das noch nicht glnzend wird und glatt.
Wenn bei uns Mhle steht und Sge
und alle trunken sind und trge,
dann hrt man deine Hammerschlge
an allen Glocken in der Stadt.

Du bist der Mndige, der Meister,
und keiner hat dich lernen sehn;
ein Unbekannter, Hergereister,
von dem bald flsternder, bald dreister
die Reden und Gerchte gehn.



Gerchte gehn, die dich vermuten,
und Zweifel gehn, die dich verwischen.
Die Trgen und die Trumerischen
mitrauen ihren eignen Gluten
und wollen, da die Berge bluten,
denn eher glauben sie dich nicht.
Du aber senkst dein Angesicht.
Du knntest den Bergen die Adern aufschneiden
als Zeichen eines groen Gerichts;
aber dir liegt nichts
an den Heiden.

Du willst nicht streiten mit allen Listen
und nicht suchen die Liebe des Lichts;
denn dir liegt nichts
an den Christen.

Dir liegt an den Fragenden nichts.
Sanften Gesichts
siehst du den Tragenden zu.



Alle, welche dich suchen, versuchen dich.
Und die, so dich finden, binden dich
an Bild und Gebrde.

Ich aber will dich begreifen,
wie dich die Erde begreift;
mit meinem Reifen
reift
dein Reich.

Ich will von dir keine Eitelkeit,
die dich beweist.
Ich wei, da die Zeit
anders heit
als du.

Tu mir kein Wunder zulieb.
Gib deinen Gesetzen recht,
die von Geschlecht zu Geschlecht
sichtbarer sind.



Wenn etwas mir vom Fenster fllt
(und wenn es auch das Kleinste wre)
wie strzt sich das Gesetz der Schwere
gewaltig wie ein Wind vom Meere
auf jeden Ball und jede Beere
und trgt sie in den Kern der Welt.

Ein jedes Ding ist berwacht
von einer flugbereiten Gte
wie jeder Stein und jede Blte
und jedes kleine Kind bei Nacht.
Nur wir, in unsrer Hoffart, drngen
aus einigen Zusammenhngen
in einer Freiheit leeren Raum,
statt, klugen Krften hingegeben,
uns aufzuheben wie ein Baum.
Statt in die weitesten Geleise
sich still und willig einzureihn,
verknpft man sich auf manche Weise, --
und wer sich ausschliet jedem Kreise,
ist jetzt so namenlos allein.
Da mu er lernen von den Dingen,
anfangen wieder wie ein Kind,
weil sie, die Gott am Herzen hingen,
nicht von ihm fortgegangen sind.
Eins mu er wieder knnen: fallen,
geduldig in der Schwere ruhn,
der sich verma, den Vgeln allen
im Fliegen es zuvorzutun.

(Denn auch die Engel fliegen nicht mehr.
Schweren Vgeln gleichen die Seraphim,
welche um ihn sitzen und sinnen;
Trmmern von Vgeln, Pinguinen
gleichen sie, wie sie verkmmern ...)



Du meinst die Demut. Angesichter
gesenkt in stillem Dichverstehn.
So gehen abends junge Dichter
in den entlegenen Alleen.
So stehn die Bauern um die Leiche,
wenn sich ein Kind im Tod verlor, --
und was geschieht, ist doch das gleiche:
es geht ein bergroes vor.

Wer dich zum erstenmal gewahrt,
den strt der Nachbar und die Uhr,
der geht, gebeugt zu deiner Spur,
und wie beladen und bejahrt.
Erst spter naht er der Natur
und fhlt die Winde und die Fernen,
hrt dich, geflstert von der Flur,
sieht dich, gesungen von den Sternen,
und kann dich nirgends mehr verlernen,
und alles ist dein Mantel nur.

Ihm bist du neu und nah und gut
und wunderschn wie eine Reise,
die er in stillen Schiffen leise
auf einem groen Flusse tut.

Das Land ist weit, in Winden, eben,
sehr groen Himmeln preisgegeben
und alten Wldern untertan.
Die kleinen Drfer, die sich nahn,
vergehen wieder wie Gelute
und wie ein Gestern und ein Heute
und so wie alles, was wir sahn.
Aber an dieses Stromes Lauf
stehn immer wieder Stdte auf
und kommen wie auf Flgelschlgen
der feierlichen Fahrt entgegen.

Und manchmal lenkt das Schiff zu Stellen,
die einsam, sonder Dorf und Stadt,
auf etwas warten an den Wellen, --
auf den, der keine Heimat hat ...
Fr solche stehn dort kleine Wagen
(ein jeder mit drei Pferden vor),
die atemlos nach Abend jagen
auf einem Weg, der sich verlor.



In diesem Dorfe steht das letzte Haus
so einsam wie das letzte Haus der Welt.

Die Strae, die das kleine Dorf nicht hlt,
geht langsam weiter in die Nacht hinaus.

Das kleine Dorf ist nur ein bergang
zwischen zwei Weiten, ahnungsvoll und bang,
ein Weg an Husern hin statt eines Stegs.

Und die das Dorf verlassen, wandern lang,
und viele sterben vielleicht unterwegs.



Manchmal steht einer auf beim Abendbrot
und geht hinaus und geht und geht und geht, --
weil eine Kirche wo im Osten steht.

Und seine Kinder segnen ihn wie tot.

Und einer, welcher stirbt in seinem Haus,
bleibt drinnen wohnen, bleibt in Tisch und Glas,
so da die Kinder in die Welt hinaus
zu jener Kirche ziehn, die er verga.



Nachtwchter ist der Wahnsinn,
_weil_ er wacht.
Bei jeder Stunde bleibt er lachend stehn,
und einen Namen sucht er fr die Nacht
und nennt sie: sieben, achtundzwanzig, zehn ...
Und ein Triangel trgt er in der Hand,
und weil er zittert, schlgt es an den Rand
des Horns, das er nicht blasen kann, und singt
das Lied, das er zu allen Husern bringt.

Die Kinder haben eine gute Nacht
und hren trumend, da der Wahnsinn wacht.
Die Hunde aber reien sich vom Ring
und gehen in den Husern gro umher
und zittern, wenn er schon vorberging,
und frchten sich vor seiner Wiederkehr.



Weit du von jenen Heiligen, mein Herr?

Sie fhlen auch verschlone Klosterstuben
zu nahe an Gelchter und Geplrr,
so da sie tief sich in die Erde gruben.
Ein jeder atmete mit seinem Licht
die kleine Luft in seiner Grube aus,
verga sein Alter und sein Angesicht
und lebte wie ein fensterloses Haus
und starb nicht mehr, als wr er lange tot.
Sie lasen selten; alles war verdorrt,
als wre Frost in jedes Buch gekrochen,
und wie die Kutte hing von ihren Knochen,
so hing der Sinn herab von jedem Wort.
Sie redeten einander nicht mehr an,
wenn sie sich fhlten in den schwarzen Gngen,
sie lieen ihre langen Haare hngen,
und keiner wute, ob sein Nachbarmann
nicht stehend starb.

In einem runden Raum,
wo Silberlampen sich von Balsam nhrten,
versammelten sich manchmal die Gefhrten
vor goldnen Tren wie vor goldnen Grten
und schauten voller Mitraun in den Traum
und rauschten leise mit den langen Brten.

Ihr Leben war wie tausend Jahre gro,
seit es sich nicht mehr schied in Nacht und Helle;
sie waren, wie gewlzt von einer Welle,
zurckgekehrt in ihrer Mutter Scho.
Sie saen rundgekrmmt wie Embryos
mit groen Kpfen und mit kleinen Hnden
und aen nicht, als ob sie Nahrung fnden
aus jener Erde, die sie schwarz umschlo.

Jetzt zeigt man sie den tausend Pilgern, die
aus Stadt und Steppe zu dem Kloster wallen.
Seit dreimal hundert Jahren liegen sie,
und ihre Leiber knnen nicht zerfallen.
Das Dunkel huft sich wie ein Licht, das rut,
auf ihren langen lagernden Gestalten,
die unter Tchern heimlich sich erhalten, --
und ihrer Hnde ungelstes Falten
liegt ihnen wie Gebirge auf der Brust.

Du groer alter Herzog des Erhabnen:
hast du vergessen, diesen Eingegrabnen
den Tod zu schicken, der sie ganz verbraucht,
weil sie sich tief in Erde eingetaucht?
Sind die, die sich Verstorbenen vergleichen,
am hnlichsten der Unvergnglichkeit?
Ist das das groe Leben deiner Leichen,
das berdauern soll den Tod der Zeit?
Sind sie dir noch zu deinen Plnen gut?
Erhltst du unvergngliche Gefe,
die du, der allen Maen Ungeme,
einmal erfllen willst mit deinem Blut?



Du bist die Zukunft, groes Morgenrot
ber den Ebenen der Ewigkeit.
Du bist der Hahnschrei nach der Nacht der Zeit,
der Tau, die Morgenmette und die Maid,
der fremde Mann, die Mutter und der Tod.

Du bist die sich verwandelnde Gestalt,
die immer einsam aus dem Schicksal ragt,
die unbejubelt bleibt und unbeklagt
und unbeschrieben wie ein wilder Wald.

Du bist der Dinge tiefer Inbegriff,
der seines Wesens letztes Wort verschweigt
und sich den andern immer anders zeigt:
dem Schiff als Kste und dem Land als Schiff.



Du bist das Kloster zu den Wundenmalen.
Mit zweiunddreiig alten Kathedralen
und fnfzig Kirchen, welche aus Opalen
und Stcken Bernstein aufgemauert sind.
Auf jedem Ding im Klosterhofe
liegt deines Klanges eine Strophe,
und das gewaltige Tor beginnt.

In langen Husern wohnen Nonnen,
Schwarzschwestern, siebenhundertzehn.
Manchmal kommt eine an den Bronnen,
und eine steht wie eingesponnen,
und eine, wie in Abendsonnen,
geht schlank in schweigsamen Alleen.

Aber die meisten sieht man nie;
sie bleiben in der Huser Schweigen
wie in der kranken Brust der Geigen
die Melodie, die keiner kann ...

Und um die Kirchen rings im Kreise,
von schmachtendem Jasmin umstellt,
sind Grbersttten, welche leise
wie Steine reden von der Welt.
Von jener Welt, die nicht mehr ist,
obwohl sie an das Kloster brandet,
in eitel Tag und Tand gewandet
und gleich bereit zu Lust und List.
Sie ist vergangen: denn du bist.

Sie fliet noch wie ein Spiel von Lichtern
ber das teilnahmslose Jahr;
doch dir, dem Abend und den Dichtern
sind, unter rinnenden Gesichtern,
die dunkeln Dinge offenbar.



Die Knige der Welt sind alt
und werden keine Erben haben.
Die Shne sterben schon als Knaben,
und ihre bleichen Tchter gaben
die kranken Kronen der Gewalt.
Der Pbel bricht sie klein zu Geld,
der zeitgeme Herr der Welt
dehnt sie im Feuer zu Maschinen,
die seinem Wollen grollend dienen;
aber das Glck ist nicht mit ihnen.
Das Erz hat Heimweh. Und verlassen
will es die Mnzen und die Rder,
die es ein kleines Leben lehren.
Und aus Fabriken und aus Kassen
wird es zurck in das Geder
der aufgetanen Berge kehren,
die sich verschlieen hinter ihm.



Alles wird wieder gro sein und gewaltig.
Die Lande einfach und die Wasser faltig,
die Bume riesig und sehr klein die Mauern;
und in den Tlern, stark und vielgestaltig,
ein Volk von Hirten und von Ackerbauern.

Und keine Kirchen, welche Gott umklammern
wie einen Flchtling und ihn dann bejammern
wie ein gefangenes und wundes Tier, --
die Huser gastlich allen Einlaklopfern
und ein Gefhl von unbegrenztem Opfern
in allem Handeln und in dir und mir.

Kein Jenseitswarten und kein Schaun nach drben,
nur Sehnsucht, auch den Tod nicht zu entweihn
und dienend sich am Irdischen zu ben,
um seinen Hnden nicht mehr neu zu sein.



Auch du wirst gro sein. Grer noch, als einer,
der jetzt schon leben mu, dich sagen kann.
Viel ungewhnlicher und ungemeiner
und noch viel lter als ein alter Mann.

Man wird dich fhlen: da ein Duften ginge
aus eines Gartens naher Gegenwart;
und wie ein Kranker seine liebsten Dinge
wird man dich lieben ahnungsvoll und zart.

Es wird kein Beten geben, das die Leute
zusammenschart. Du bist nicht im Verein;
und wer dich fhlte und sich an dir freute,
wird wie der Einzige auf Erden sein:
ein Ausgestoener und ein Vereinter,
gesammelt und vergeudet doch zugleich;
ein Lchelnder und doch ein Halbverweinter,
klein wie ein Haus und mchtig wie ein Reich.



Es wird nicht Ruhe in den Husern, sei's,
da einer stirbt und sie ihn weitertragen,
sei es, da wer auf heimliches Gehei
den Pilgerstock nimmt und den Pilgerkragen,
um in der Fremde nach dem Weg zu fragen,
auf welchem er dich warten wei.

Die Straen werden derer niemals leer,
die zu dir wollen wie zu jener Rose,
die alle tausend Jahre einmal blht.
Viel dunkles Volk und beinah Namenlose,
und wenn sie dich erreichen, sind sie md.

Aber ich habe ihren Zug gesehn;
und glaube seither, da die Winde wehn
aus ihren Mnteln, welche sich bewegen,
und stille sind, wenn sie sich niederlegen --:
so gro war in den Ebenen ihr Gehn.



So mcht ich zu dir gehn: von fremden Schwellen
Almosen sammelnd, die mich ungern nhren.
Und wenn der Wege wirrend viele wren,
so wrd ich mich den ltesten gesellen.
Ich wrde mich zu kleinen Greisen stellen,
und wenn sie gingen, schaut ich wie im Traum,
da ihre Kniee aus der Brte Wellen
wie Inseln tauchen, ohne Strauch und Baum.

Wir berholten Mnner, welche blind
mit ihren Knaben wie mit Augen schauen,
und Trinkende am Flu und mde Frauen
und viele Frauen, welche schwanger sind.
Und alle waren mir so seltsam nah, --
als ob die Mnner einen Blutsverwandten,
die Frauen einen Freund in mir erkannten,
und auch die Hunde kamen, die ich sah.



Du Gott, ich mchte viele Pilger sein,
um so, ein langer Zug, zu dir zu gehn,
und um ein groes Stck von dir zu sein:
du Garten mit den lebenden Alleen.
Wenn ich so gehe, wie ich bin, allein, --
wer merkt es denn? Wer _sieht_ mich zu dir gehn?
Wen reit es hin? Wen regt es auf, und wen
bekehrt es dir?

        Als wre nichts geschehn,
-- lachen sie weiter. Und da bin ich froh,
da ich so gehe, wie ich bin; denn so
kann keiner von den Lachenden mich sehn.



Bei Tag bist du das Hrensagen,
das flsternd um die vielen fliet;
die Stille nach dem Stundenschlagen,
welche sich langsam wieder schliet.

Je mehr der Tag mit immer schwchern
Gebrden sich nach Abend neigt,
je mehr bist du, mein Gott. Es steigt
dein Reich wie Rauch aus allen Dchern.



Ein Pilgermorgen. Von den harten Lagern,
auf das ein jeder wie vergiftet fiel,
erhebt sich bei dem ersten Glockenspiel
ein Volk von hagern Morgensegen-Sagern,
auf das die frhe Sonne niederbrennt:

Brtige Mnner, welche sich verneigen,
Kinder, die ernsthaft aus den Pelzen steigen,
und in den Mnteln, schwer von ihrem Schweigen,
die braunen Fraun von Tiflis und Taschkent.
Christen mit den Gebrden des Islam
sind um die Brunnen, halten ihre Hnde
wie flache Schalen hin, wie Gegenstnde,
in die die Flut wie eine Seele kam.

Sie neigen das Gesicht hinein und trinken,
reien die Kleider auf mit ihrer Linken
und halten sich das Wasser an die Brust,
als wr's ein khles weinendes Gesicht,
das von den Schmerzen auf der Erde spricht.

Und diese Schmerzen stehen ringsumher
mit welken Augen; und du weit nicht, wer
sie sind und waren. Knechte oder Bauern,
vielleicht Kaufleute, welche Wohlstand sahn,
vielleicht auch laue Mnche, die nicht dauern,
und Diebe, die auf die Versuchung lauern,
offene Mdchen, die verkmmert kauern,
und Irrende in einem Wald von Wahn --:
alle wie Frsten, die in tiefem Trauern
die berflsse von sich abgetan.
Wie Weise alle, welche viel erfahren,
Erwhlte, welche in der Wste waren,
wo Gott sie nhrte durch ein fremdes Tier;
Einsame, die durch Ebenen gegangen
mit vielen Winden an den dunklen Wangen,
von einer Sehnsucht frchtig und befangen
und doch so wundersam erhht von ihr.
Gelste aus dem Alltag, eingeschaltet
in groe Orgeln und in Chorgesang,
und Knieende, wie Steigende gestaltet;
Fahnen mit Bildern, welche lang
verborgen waren und zusammgefaltet:

Jetzt hngen sie sich langsam wieder aus.

Und manche stehn und schaun nach einem Haus,
darin die Pilger, welche krank sind, wohnen;
denn eben wand sich dort ein Mnch heraus,
die Haare schlaff und die Soutane kraus,
das schattige Gesicht voll kranker Blaus
und ganz verdunkelt von Dmonen.

Er neigte sich, als brch er sich entzwei,
und warf sich in zwei Stcken auf die Erde,
die jetzt an seinem Munde wie ein Schrei
zu hngen schien und so, als sei
sie seiner Arme wachsende Gebrde.

Und langsam ging sein Fall an ihm vorbei.
Er flog empor, als ob er Flgel sprte,
und sein erleichtertes Gefhl verfhrte
ihn zu dem Glauben seiner Vogelwerdung.
Er hing in seinen magern Armen schmal,
wie eine schiefgeschobne Marionette,
und glaubte, da er groe Schwingen htte
und da die Welt schon lange wie ein Tal
sich ferne unter seinen Fen gltte.
Unglubig sah er sich mit einem Mal
herabgelassen auf die fremde Sttte
und auf den grnen Meergrund seiner Qual.

Und war ein Fisch und wand sich schlank und schwamm
durch tiefes Wasser, still und silbergrau,
sah Quallen hangen am Korallenstamm
und sah die Haare einer Meerjungfrau,
durch die das Wasser rauschte wie ein Kamm.
Und kam zu Land und war ein Brutigam
bei einer Toten, wie man ihn erwhlt,
damit kein Mdchen fremd und unvermhlt
des Paradieses Wiesenland beschritte.

Er folgte ihr und ordnete die Tritte
und tanzte rund, sie immer in der Mitte,
und seine Arme tanzten rund um ihn.
Dann horchte er, als wre eine dritte
Gestalt ganz sachte in das Spiel getreten,
die diesem Tanzen nicht zu glauben schien.
Und da erkannte er: jetzt mut du beten,
denn dieser ist es, welcher den Propheten
wie eine groe Krone sich verliehn.
Wir halten ihn, um den wir tglich flehten,
wir ernten ihn, den einstens Ausgesten,
und kehren heim mit ruhenden Gerten
in langen Reihen wie in Melodien.
Und er verneigte sich ergriffen, tief.
Aber der Alte war, als ob er schliefe,
und sah es nicht, obwohl sein Aug nicht schlief.

Und er verneigte sich in solche Tiefe,
da ihm ein Zittern durch die Glieder lief.
Aber der Alte ward es nicht gewahr.

Da fate sich der kranke Mnch am Haar
und schlug sich wie ein Kleid an einen Baum.
Aber der Alte stand und sah es kaum.

Da nahm der kranke Mnch sich in die Hnde,
wie man ein Richtschwert in die Hnde nimmt,
und hieb und hieb, verwundete die Wnde
und stie sich endlich in den Grund ergrimmt.
Aber der Alte blickte unbestimmt.

Da ri der Mnch sein Kleid sich ab wie Rinde,
und knieend hielt er es dem Alten hin.

Und sieh: er kam. Kam wie zu einem Kinde
und sagte sanft: Weit du auch, _wer_ ich bin?
Das wute er. Und legte sich gelinde
dem Greis wie eine Geige unters Kinn.



Jetzt reifen schon die roten Berberitzen,
alternde Astern atmen schwach im Beet.
Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht,
wird immer warten und sich nie besitzen.

Wer jetzt nicht seine Augen schlieen kann,
gewi, da eine Flle von Gesichten
in ihm nur wartet, bis die Nacht begann,
um sich in seinem Dunkel aufzurichten: --
der ist vergangen wie ein alter Mann.

Dem kommt nichts mehr, dem stt kein Tag mehr zu,
und alles lgt ihn an, was ihm geschieht;
auch du, mein Gott. Und wie ein Stein bist du,
welcher ihn tglich in die Tiefe zieht.



Du mut nicht bangen, Gott. Sie sagen: _mein_
zu allen Dingen, die geduldig sind.
Sie sind wie Wind, der an die Zweige streift
und sagt: _mein_ Baum.

Sie merken kaum,
wie alles glht, was ihre Hand ergreift, --
so da sie's auch an seinem letzten Saum
nicht halten knnten, ohne zu verbrennen.

Sie sagen mein, wie manchmal einer gern
den Frsten Freund nennt im Gesprch mit Bauern,
wenn dieser Frst sehr gro ist und -- sehr fern.
Sie sagen mein von ihren fremden Mauern
und kennen gar nicht ihres Hauses Herrn.
Sie sagen mein und nennen das Besitz,
wenn jedes Ding sich schliet, dem sie sich nahn,
so wie ein abgeschmackter Scharlatan
vielleicht die Sonne sein nennt und den Blitz.
So sagen sie: mein Leben, meine Frau,
mein Hund, mein Kind, und wissen doch genau,
da alles: Leben, Frau und Hund und Kind
fremde Gebilde sind, daran sie blind
mit ihren ausgestreckten Hnden stoen.
Gewiheit freilich ist das nur den Groen,
die sich nach Augen sehnen. Denn die andern
_wollen's_ nicht hren, da ihr armes Wandern
mit keinem Dinge rings zusammenhngt,
da sie, von ihrer Habe fortgedrngt,
nicht anerkannt von ihrem Eigentume,
das Weib so wenig _haben_ wie die Blume,
die eines fremden Lebens ist fr alle.

Falle nicht, Gott, aus deinem Gleichgewicht.
Auch der dich liebt und der dein Angesicht
erkennt im Dunkel, wenn er wie ein Licht
in deinem Atem schwankt, -- besitzt dich nicht.
Und wenn dich einer in der Nacht erfat,
so da du kommen mut in sein Gebet:
           Du bist der Gast,
        der wieder weitergeht.

Wer kann dich halten, Gott? Denn du bist dein,
von keines Eigentmers Hand gestrt,
so wie der noch nicht ausgereifte Wein,
der immer ser wird, sich selbst gehrt.



In tiefen Nchten grab ich dich, du Schatz.
Denn alle berflsse die ich sah,
sind Armut und armseliger Ersatz
fr deine Schnheit, die noch nie geschah.

Aber der Weg zu dir ist furchtbar weit
und, weil ihn lange keiner ging, verweht.
O, du bist einsam. Du bist Einsamkeit,
du Herz, das zu entfernten Talen geht.

Und meine Hnde, welche blutig sind
vom Graben, heb ich offen in den Wind,
so da sie sich verzweigen wie ein Baum.
Ich sauge dich mit ihnen aus dem Raum,
als httest du dich einmal dort zerschellt
in einer ungeduldigen Gebrde
und fielest jetzt, eine zerstubte Welt,
aus fernen Sternen wieder auf die Erde
sanft, wie ein Frhlingsregen fllt.




                        Drittes Buch

             Das Buch von der Armut und vom Tode

                           (1903)


Vielleicht, da ich durch schwere Berge gehe
in harten Adern, wie ein Erz allein;
und bin so tief, da ich kein Ende sehe
und keine Ferne: alles wurde Nhe,
und alle Nhe wurde Stein.

Ich bin ja noch kein Wissender im Wehe, --
so macht mich dieses groe Dunkel klein;
bist du es aber: mach dich schwer, brich ein:
da deine ganze Hand an mir geschehe
und ich an dir mit meinem ganzen Schrein.



Du Berg, der blieb, da die Gebirge kamen, --
Hang ohne Htten, Gipfel ohne Namen,
ewiger Schnee, in dem die Sterne lahmen,
und Trger jener Tale der Zyklamen,
aus denen aller Duft der Erde geht;
du, aller Berge Mund und Minaret
(von dem noch nie der Abendruf erschallte):

Geh ich in dir jetzt? Bin ich im Basalte
wie ein noch ungefundenes Metall?
Ehrfrchtig fll ich deine Felsenfalte,
und deine Hrte fhl ich berall.

Oder ist das die Angst, in der ich bin?
die tiefe Angst der bergroen Stdte,
in die du mich gestellt hast bis ans Kinn?

O da dir einer recht geredet htte
von ihres Wesens Wahn und Abersinn.
Du stndest auf, du Sturm aus Anbeginn,
und triebest sie wie Hlsen vor dir hin ...

Und willst du jetzt von mir: so rede recht, --
so bin ich nicht mehr Herr in meinem Munde,
der nichts als zugehn will wie eine Wunde;
und meine Hnde halten sich wie Hunde
an meinen Seiten, jedem Ruf zu schlecht.

Du zwingst mich, Herr, zu einer fremden Stunde.



Mach mich zum Wchter deiner Weiten,
mach mich zum Horchenden am Stein,
gib mir die Augen auszubreiten
auf deiner Meere Einsamsein;
la mich der Flsse Gang begleiten
aus dem Geschrei zu beiden Seiten
weit in den Klang der Nacht hinein.
Schick mich in deine leeren Lnder,
durch die die weiten Winde gehn,
wo groe Klster wie Gewnder
um ungelebte Leben stehn.
Dort will ich mich zu Pilgern halten,
von ihren Stimmen und Gestalten
durch keinen Trug mehr abgetrennt,
und hinter einem blinden Alten
des Weges gehn, den keiner kennt.



Denn Herr, die groen Stdte sind
Verlorene und Aufgelste;
wie Flucht vor Flammen ist die grte, --
und ist kein Trost, da er sie trste,
und ihre kleine Zeit verrinnt.

Da leben Menschen, leben schlecht und schwer,
in tiefen Zimmern, bange von Gebrde,
gengsteter denn eine Erstlingsherde;
und drauen wacht und atmet deine Erde,
sie aber sind und wissen es nicht mehr.

Da wachsen Kinder auf an Fensterstufen,
die immer in demselben Schatten sind,
und wissen nicht, da drauen Blumen rufen
zu einem Tag voll Weite, Glck und Wind, --
und mssen Kind sein und sind traurig Kind.

Da blhen Jungfraun auf zum Unbekannten
und sehnen sich nach ihrer Kindheit Ruh;
das aber ist nicht da, wofr sie brannten,
und zitternd schlieen sie sich wieder zu.
Und haben in verhllten Hinterzimmern
die Tage der enttuschten Mutterschaft,
der langen Nchte willenloses Wimmern
und kalte Jahre ohne Kampf und Kraft.
Und ganz im Dunkel stehn die Sterbebetten,
und langsam sehnen sie sich dazu hin;
und sterben lange, sterben wie in Ketten
und gehen aus wie eine Bettlerin.



Da leben Menschen, weierblhte, blasse,
und sterben staunend an der schweren Welt.
Und keiner sieht die klaffende Grimasse,
zu der das Lcheln einer zarten Rasse
in namenlosen Nchten sich entstellt.

Sie gehn umher, entwrdigt durch die Mh,
sinnlosen Dingen ohne Mut zu dienen,
und ihre Kleider werden welk an ihnen,
und ihre schnen Hnde altern frh.

Die Menge drngt und denkt nicht sie zu schonen,
obwohl sie etwas zgernd sind und schwach, --
nur scheue Hunde, welche nirgends wohnen,
gehn ihnen leise eine Weile nach.

Sie sind gegeben unter hundert Quler,
und, angeschrien von jeder Stunde Schlag,
kreisen sie einsam um die Hospitler
und warten angstvoll auf den Einlatag.

Dort ist der Tod. Nicht jener, dessen Gre
sie in der Kindheit wundersam gestreift, --
der kleine Tod, wie man ihn dort begreift;
ihr eigener hngt grn und ohne Se
wie eine Frucht in ihnen, die nicht reift.



O Herr, gib jedem seinen eignen Tod,
das Sterben, das aus jenem Leben geht,
darin er Liebe hatte, Sinn und Not.



Denn wir sind nur die Schale und das Blatt.
Der groe Tod, den jeder in sich hat,
das ist die Frucht, um die sich alles dreht.

Um ihretwillen heben Mdchen an
und kommen wie ein Baum aus einer Laute,
und Knaben sehnen sich um sie zum Mann;
und Frauen sind den Wachsenden Vertraute
fr ngste, die sonst niemand nehmen kann.
Um ihretwillen bleibt das Angeschaute
wie Ewiges, auch wenn es lang verrann, --
und jeder, welcher bildete und baute,
ward Welt um diese Frucht und fror und taute
und windete ihr zu und schien sie an.
In sie ist eingegangen alle Wrme,
der Herzen und der Hirne weies Glhn --:
Doch deine Engel ziehn wie Vogelschwrme,
und sie erfanden alle Frchte grn.



HERR: wir sind rmer denn die armen Tiere,
die ihres Todes enden, wenn auch blind,
weil wir noch alle ungestorben sind.
Den gib uns, der die Wissenschaft gewinnt,
das Leben aufzubinden in Spaliere,
um welche zeitiger der Mai beginnt.

Denn dieses macht das Sterben fremd und schwer,
da es nicht _unser_ Tod ist; einer, der
uns endlich nimmt, nur weil wir keinen reifen;
drum geht ein Sturm, uns alle abzustreifen.

Wir stehn in deinem Garten Jahr und Jahr
und sind die Bume, sen Tod zu tragen;
aber wir altern in den Erntetagen,
und so wie Frauen, welche du geschlagen,
sind wir verschlossen, schlecht und unfruchtbar.

Oder ist meine Hoffart ungerecht:
sind Bume besser? Sind wir nur Geschlecht
und Scho von Frauen, welche viel gewhren? --
Wir haben mit der Ewigkeit gehurt,
und wenn das Kreibett da ist, so gebren
wir unsres Todes tote Fehlgeburt;
den krummen, kummervollen Embryo,
der sich (als ob ihn Schreckliches erschreckte)
die Augenkeime mit den Hnden deckte
und dem schon auf der ausgebauten Stirne
die Angst von allem steht, was er nicht litt, --
und alle schlieen so wie eine Dirne
in Kindbettkrmpfen und am Kaiserschnitt.



Mach Einen herrlich, Herr, mach Einen gro,
bau seinem Leben einen schnen Scho,
und seine Scham errichte wie ein Tor
in einem blonden Wald von jungen Haaren,
und ziehe durch das Glied des Unsagbaren
den Reisigen den weien Heeresscharen,
den tausend Samen, die sich sammeln, vor.
Und eine Nacht gib, da der Mensch empfinge,
was keines Menschen Tiefen noch betrat;
gib eine Nacht: da blhen alle Dinge,
und mach sie duftender als die Syringe
und wiegender denn deines Windes Schwinge
und jubelnder als Josaphat.
Und gib ihm eines langen Tragens Zeit
und mach ihn weit in wachsenden Gewndern,
und schenk ihm eines Sternes Einsamkeit,
da keines Auges Staunen ihn beschreit,
wenn seine Zge schmelzend sich verndern.

Erneue ihn mit einer reinen Speise,
mit Tau, mit ungettetem Gericht,
mit jenem Leben, das wie Andacht leise
und warm wie Atem aus den Feldern bricht.

Mach, da er seine Kindheit wieder wei;
das Unbewute und das Wunderbare
und seiner ahnungsvollen Anfangsjahre
unendlich dunkelreichen Sagenkreis.

Und also hei ihn seiner Stunde warten,
da er den Tod gebren wird, den Herrn:
allein und rauschend wie ein groer Garten
und ein Versammelter aus fern.



Das letzte Zeichen la an uns geschehen,
erscheine in der Krone deiner Kraft,
und gib uns jetzt (nach aller Weiber Wehen)
des Menschen ernste Mutterschaft.
Erflle, du gewaltiger Gewhrer,
nicht jenen Traum der Gottgebrerin, --
richt auf den Wichtigen: den Tod-Gebrer,
und fhr uns mitten durch die Hnde derer,
die ihn verfolgen werden, zu ihm hin.
Denn sieh, ich sehe seine Widersacher,
und sie sind mehr als Lgen in der Zeit, --
und er wird aufstehn in dem Land der Lacher
und wird ein Trumer heien: denn ein Wacher
ist immer Trumer unter Trunkenheit.

Du aber grnde ihn in deine Gnade,
in deinem alten Glanze pflanz ihn ein;
und mich la Tnzer dieser Bundeslade,
la mich den Mund der neuen Messiade,
den Tnenden, den Tufer sein.



Ich will ihn preisen. Wie vor einen Heere
die Hrner gehen, will ich gehn und schrein.
Mein Blut soll lauter rauschen denn die Meere,
mein Wort soll s sein, da man sein begehre,
und doch nicht irremachen wie der Wein.

Und in den Frhlingsnchten, wenn nicht viele
geblieben sind um meine Lagerstatt,
dann will ich blhn in meinem Saitenspiele
so leise wie die nrdlichen Aprile,
die spt und ngstlich sind um jedes Blatt.

Denn meine Stimme wuchs nach zweien Seiten
und ist ein Duften worden und ein Schrein:
die eine will den Fernen vorbereiten,
die andere mu meiner Einsamkeiten
Gesicht und Seligkeit und Engel sein.



Und gib, da beide Stimmen mich begleiten,
streust du mich wieder aus in Stadt und Angst.
Mit ihnen will ich sein im Zorn der Zeiten
und dir aus meinem Klang ein Bett bereiten
an jeder Stelle, wo du es verlangst.



Die groen Stdte sind nicht wahr; sie tuschen
den Tag, die Nacht, die Tiere und das Kind;
ihr Schweigen lgt, sie lgen mit Geruschen
und mit den Dingen, welche willig sind.
Nichts von dem weiten wirklichen Geschehen,
das sich um dich, du Werdender, bewegt,
geschieht in ihnen. Deiner Winde Wehen
fllt in die Gassen, die es anders drehen,
ihr Rauschen wird im Hin- und Widergehen
verwirrt, gereizt und aufgeregt.
Sie kommen auch zu Beeten und Alleen --:



Denn Grten sind, -- von Knigen gebaut,
die eine kleine Zeit sich drin vergngten
mit jungen Frauen, welche Blumen fgten
zu ihres Lachens wunderlichem Laut.
Sie hielten diese mden Parke wach;
sie flsterten wie Lfte in den Bschen,
sie leuchteten in Pelzen und in Plschen,
und ihrer Morgenkleider Seidenrschen
erklangen auf dem Kiesweg wie ein Bach.

Jetzt gehen ihnen alle Grten nach --
und fgen still und ohne Augenmerk
sich in des fremden Frhlings helle Gammen
und brennen langsam mit des Herbstes Flammen
auf ihrer ste groem Rost zusammen,
der kunstvoll wie aus tausend Monogrammen
geschmiedet scheint zu schwarzem Gitterwerk.
Und durch die Grten blendet der Palast
(wie blasser Himmel mit verwischtem Lichte),
in seiner Sle welke Bilderlast
versunken wie in innere Gesichte,
fremd jedem Feste, willig zum Verzichte
und schweigsam und geduldig wie ein Gast.



Dann sah ich auch Palste, welche leben;
sie brsten sich den schnen Vgeln gleich,
die eine schlechte Stimme von sich geben.
Viele sind reich und wollen sich erheben, --
aber die Reichen _sind_ nicht reich.

Nicht wie die Herren deiner Hirtenvlker,
der klaren, grnen Ebenen Bewlker,
wenn sie mit schummerigem Schafgewimmel
darber zogen wie ein Morgenhimmel.
Und wenn sie lagerten und die Befehle
verklungen waren in der neuen Nacht,
dann wars, als sei jetzt eine andre Seele
in ihrem flachen Wanderland erwacht --:
Die dunklen Hhenzge der Kamele
umgaben es mit der Gebirge Pracht.

Und der Geruch der Rinderherden lag
dem Zuge nach bis in den zehnten Tag,
war warm und schwer und wich dem Wind nicht aus.
Und wie in einem hellen Hochzeitshaus
die ganze Nacht die reichen Weine rinnen:
so kam die Milch aus ihren Eselinnen.

Und nicht wie jene Scheichs der Wstenstmme,
die nchtens auf verwelktem Teppich ruhten,
aber Rubinen ihren Lieblingsstuten
einsetzen lieen in die Silberkmme.

Und nicht wie jene Frsten, die des Golds
nicht achteten, das keinen Duft erfand,
und deren stolzes Leben sich verband
mit Ambra, Mandell und Sandelholz.

Nicht wie des Ostens weier Gossudar,
dem Reiche eines Gottes Recht erwiesen;
er aber lag mit abgehrmtem Haar,
die alte Stirne auf des Fues Fliesen,
und weinte, -- weil aus allen Paradiesen
nicht _eine_ Stunde seine war.

Nicht wie die Ersten alter Handelshfen,
die sorgten, wie sie ihre Wirklichkeit
mit Bildern ohnegleichen bertrfen
und ihre Bilder wieder mit der Zeit;
und die in ihres goldnen Mantels Stadt
zusammgefaltet waren wie ein Blatt,
nur leise atmend mit den weien Schlfen ...

Das waren Reiche, die das Leben zwangen
unendlich weit zu sein und schwer und warm.
Aber der Reichen Tage sind vergangen,
und keiner wird sie dir zurckverlangen,
nur mach die Armen endlich wieder arm.



Sie sind es nicht. Sie sind nur die Nicht-Reichen,
die ohne Willen sind und ohne Welt;
gezeichnet mit der letzten ngste Zeichen
und berall entblttert und entstellt.
Zu ihnen drngt sich aller Staub der Stdte,
und aller Unrat hngt sich an sie an.
Sie sind verrufen wie ein Blatternbette,
wie Scherben fortgeworfen, wie Skelette,
wie ein Kalender, dessen Jahr verrann, --
und doch: wenn deine Erde Nte htte:
sie reihte sie an eine Rosenkette
und trge sie wie einen Talisman.
Denn sie sind reiner als die reinen Steine
und wie das blinde Tier, das erst beginnt,
und voller Einfalt und unendlich deine
und wollen nichts und brauchen nur das _eine:_

so arm sein drfen, wie sie wirklich sind.



Denn Armut ist ein groer Glanz aus Innen ...



Du bist der Arme, du der Mittellose,
du bist der Stein, der keine Sttte hat,
du bist der fortgeworfene Leprose,
der mit der Klapper umgeht vor der Stadt.

Denn dein ist nichts, so wenig wie des Windes,
und deine Ble kaum bedeckt der Ruhm;
das Alltagskleidchen eines Waisenkindes
ist herrlicher und wie ein Eigentum.

Du bist so arm wie eines Keimes Kraft
in einem Mdchen, das es gern verbrge
und sich die Lenden pret, da sie erwrge
das erste Atmen ihrer Schwangerschaft.
Und du bist arm: so wie der Frhlingsregen,
der selig auf der Stdte Dcher fllt,
und wie ein Wunsch, wenn Strflinge ihn hegen
in einer Zelle, ewig ohne Welt.
Und wie die Kranken, die sich anders legen
und glcklich sind; wie Blumen in Geleisen
so traurig arm im irren Wind der Reisen;
und wie die Hand, in die man weint, so arm ...

Und was sind Vgel gegen dich, die frieren,
was ist ein Hund, der tagelang nicht fra,
und was ist gegen dich das Sichverlieren,
das stille lange Traurigsein von Tieren,
die man als Eingefangene verga?

Und alle Armen in den Nachtasylen,
was sind sie gegen dich und deine Not?
Sie sind nur kleine Steine, keine Mhlen,
aber sie mahlen doch ein wenig Brot.

Du aber bist der tiefste Mittellose,
der Bettler mit verborgenem Gesicht;
du bist der Armut groe Rose,
die ewige Metamorphose
des Goldes in das Sonnenlicht.

Du bist der leise Heimatlose,
der nicht mehr einging in die Welt:
zu gro und schwer zu jeglichem Bedarfe.
Du heulst im Sturm. Du bist wie eine Harfe,
an welcher jeder Spielende zerschellt.



Du, der du weit und dessen weites Wissen
aus Armut ist und Armutsberflu:
Mach, da die Armen nicht mehr fortgeschmissen
und eingetreten werden in Verdru.
Die andern Menschen sind wie ausgerissen;
sie aber stehn wie eine Blumenart
aus Wurzeln auf und duften wie Melissen,
und ihre Bltter sind gezackt und zart.



Betrachte sie und sieh, was ihnen gliche:
sie rhren sich wie in den Wind gestellt
und ruhen aus wie etwas, was man hlt.
In ihren Augen ist das feierliche
Verdunkeltwerden lichter Wiesenstriche,
auf die ein rascher Sommerregen fllt.



Sie sind so still; fast gleichen sie den Dingen.
Und wenn man sich sie in die Stube ldt,
sind sie wie Freunde, die sich wiederbringen,
und gehn verloren unter dem Geringen
und dunkeln wie ein ruhiges Gert.

Sie sind wie Wchter bei verhngten Schtzen,
die sie bewahren, aber selbst nicht sahn, --
getragen von den Tiefen wie ein Kahn,
und wie das Leinen auf den Bleichepltzen
so ausgebreitet und so aufgetan.



Und sieh, wie ihrer Fe Leben geht:
wie das der Tiere, hundertfach verschlungen
mit jedem Wege; voll Erinnerungen
an Stein und Schnee und an die leichten, jungen,
gekhlten Wiesen, ber die es weht.

Sie haben Leid von jenem groen Leide,
aus dem der Mensch zu kleinem Kummer fiel;
des Grases Balsam und der Steine Schneide
ist ihnen Schicksal, -- und sie lieben beide
und gehen wie auf deiner Augen Weide
und so wie Hnde gehn im Saitenspiel.



Und ihre Hnde sind wie die von Frauen
und irgendeiner Mutterschaft gem;
so heiter wie die Vgel, wenn sie bauen, --
im Fassen warm und ruhig im Vertrauen,
und anzufhlen wie ein Trinkgef.



Ihr Mund ist wie der Mund an einer Bste,
der nie erklang und atmete und kte
und doch aus einem Leben, das verging,
das alles, weise eingeformt, empfing,
und sich nun wlbt, als ob er alles wte --
und doch nur Gleichnis ist und Stein und Ding ...



Und ihre Stimme kommt von ferneher
und ist vor Sonnenaufgang aufgebrochen
und war in groen Wldern, geht seit Wochen
und hat im Schlaf mit Daniel gesprochen
und hat das Meer gesehn und sagt vom Meer.



Und wenn sie schlafen, sind sie wie an alles
zurckgegeben, was sie leise leiht,
und weit verteilt wie Brot in Hungersnten
an Mitternchte und an Morgenrten
und sind wie Regen voll des Niederfalles
in eines Dunkels junge Fruchtbarkeit.
Dann bleibt nicht eine Narbe ihres Namens
auf ihrem Leib zurck, der keimbereit
sich bettet wie der Samen jenes Samens,
aus dem du stammen wirst von Ewigkeit.



Und sieh: ihr Leib ist wie ein Brutigam
und fliet im Liegen hin gleich einem Bache
und lebt so schn wie eine schne Sache,
so leidenschaftlich und so wundersam.
In seiner Schlankheit sammelt sich das Schwache,
das Bange, das aus vielen Frauen kam;
doch sein Geschlecht ist stark und wie ein Drache
und wartet schlafend in dem Tal der Scham.



Denn sieh: sie werden leben und sich mehren
und nicht bezwungen werden von der Zeit
und werden wachsen wie des Waldes Beeren,
den Boden bergend unter Sigkeit.

Denn selig sind, die niemals sich entfernten
und still im Regen standen ohne Dach;
zu ihnen werden kommen alle Ernten,
und ihre Frucht wird voll sein tausendfach.

Sie werden dauern ber jedes Ende
und ber Reiche, deren Sinn verrinnt,
und werden sich wie ausgeruhte Hnde
erheben, wenn die Hnde aller Stnde
und aller Vlker mde sind.



Nur nimm sie wieder aus der Stdte Schuld,
wo ihnen alles Zorn ist und verworren
und wo sie in den Tagen aus Tumult
verdorren mit verwundeter Geduld.

Hat denn fr sie die Erde keinen Raum?
Wen sucht der Wind? Wer trinkt des Baches Helle?
Ist in der Teiche tiefem Ufertraum
kein Spiegelbild mehr frei fr Tr und Schwelle?
Sie brauchen ja nur eine kleine Stelle,
auf der sie alles haben wie ein Baum.



Des Armen Haus ist wie ein Altarschrein,
drin wandelt sich das Ewige zur Speise,
und wenn der Abend kommt, so kehrt es leise
zu sich zurck in einem weiten Kreise
und geht voll Nachklang langsam in sich ein.
Des Armen Haus ist wie ein Altarschrein.

Des Armen Haus ist wie des Kindes Hand.
Sie nimmt nicht, was Erwachsene verlangen;
nur einen Kfer mit verzierten Zangen,
den runden Stein, der durch den Bach gegangen,
den Sand, der rann, und Muscheln, welche klangen;
sie ist wie eine Wage aufgehangen
und sagt das allerleiseste Empfangen
langschwankend an mit ihrer Schalen Stand.
Des Armen Haus ist wie des Kindes Hand.

Und wie die Erde ist des Armen Haus:
Der Splitter eines knftigen Kristalles,
bald licht, bald dunkel in der Flucht des Falles;
arm wie die warme Armut eines Stalles, --
und doch sind Abende: da ist sie alles,
und alle Sterne gehen von ihr aus.



Die Stdte aber wollen nur das Ihre
und reien alles mit in ihren Lauf.
Wie hohles Holz zerbrechen sie die Tiere
und brauchen viele Vlker brennend auf.

Und ihre Menschen dienen in Kulturen
und fallen tief aus Gleichgewicht und Ma,
und nennen Fortschritt ihre Schneckenspuren
und fahren rascher, wo sie langsam fuhren,
und fhlen sich und funkeln wie die Huren
und lrmen lauter mit Metall und Glas.

Es ist, als ob ein Trug sie tglich ffte,
sie knnen gar nicht mehr sie selber sein;
das Geld wchst an, hat alle ihre Krfte
und ist wie Ostwind gro, und sie sind klein
und ausgehohlt und warten, da der Wein
und alles Gift der Tier- und Menschensfte
sie reize zu vergnglichem Geschfte.



Und deine Armen leiden unter diesen
und sind von allem, was sie schauen, schwer
und glhen frierend wie in Fieberkrisen
und gehn, aus jeder Wohnung ausgewiesen,
wie fremde Tote in der Nacht umher;
und sind beladen mit dem ganzen Schmutze
und wie in Sonne Faulendes bespien, --
von jedem Zufall, von der Dirnen Putze,
von Wagen und Laternen angeschrien.

Und gibt es einen Mund zu ihrem Schutze,
so mach ihn mndig und bewege ihn.



O wo ist der, der aus Besitz und Zeit
zu seiner groen Armut so erstarkte,
da er die Kleider abtat auf dem Markte
und bar einherging vor des Bischofs Kleid.
Der Innigste und Liebendste von allen,
der kam und lebte wie ein junges Jahr;
der braune Bruder deiner Nachtigallen,
in dem ein Wundern und ein Wohlgefallen
und ein Entzcken an der Erde war.

Denn er war keiner von den immer Mdern,
die freudeloser werden nach und nach,
mit kleinen Blumen wie mit kleinen Brdern
ging er den Wiesenrand entlang und sprach.
Und sprach von sich und wie er sich verwende,
so da es allem eine Freude sei;
und seines hellen Herzens war kein Ende,
und kein Geringes ging daran vorbei.
Er kam aus Licht zu immer tieferm Lichte,
und seine Zelle stand in Heiterkeit.
Das Lcheln wuchs auf seinem Angesichte
und hatte seine Kindheit und Geschichte
und wurde reif wie eine Mdchenzeit.

Und wenn er sang, so kehrte selbst das Gestern
und das Vergessene zurck und kam;
und eine Stille wurde in den Nestern,
und nur die Herzen schrieen in den Schwestern,
die er berhrte wie ein Brutigam.

Dann aber lsten seines Liedes Pollen
sich leise los aus seinem roten Mund
und trieben trumend zu den Liebevollen
und fielen in die offenen Corollen
und sanken langsam auf den Bltengrund.

Und sie empfingen ihn, den Makellosen,
in ihrem Leib, der ihre Seele war.
Und ihre Augen schlossen sich wie Rosen,
und voller Liebesnchte war ihr Haar.

Und ihn empfing das Groe und Geringe.
Zu vielen Tieren kamen Cherubim,
zu sagen, da ihr Weibchen Frchte bringe, --
und waren wunderschne Schmetterlinge:
denn ihn erkannten alle Dinge
und hatten Fruchtbarkeit aus ihm.
Und als er starb, so leicht wie ohne Namen,
da war er ausgeteilt: sein Samen rann
in Bchen, in den Bumen sang sein Samen
und sah ihn ruhig aus den Blumen an.
Er lag und sang. Und als die Schwestern kamen,
da weinten sie um ihren lieben Mann.



O wo ist er, der Klare, hingeklungen?
Was fhlen ihn, den Jubelnden und Jungen,
die Armen, welche harren, nicht von fern?

Was steigt er nicht in ihre Dmmerungen --
        der Armut groer Abendstern.




Die Versanfnge


_Erstes Buch:_ Das Buch vom mnchischen Leben (1899)

Da neigt sich die Stunde und rhrt mich an                     7
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen                       7
Ich habe viele Brder in Soutanen                              8
Wir drfen dich nicht eigenmchtig malen                       8
Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden                          8
Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal                    9
Wenn es nur einmal so ganz stille wre                         9
Ich lebe grad, da das Jahrhundert geht                        10
Ich lese es heraus aus deinem Wort                            10
Der blasse Abelknabe spricht                                  11
Du Dunkelheit, aus der ich stamme                             11
Ich glaube an alles noch nie Gesagte                          12
Ich bin aus der Welt zu allein und doch nicht allein genug    13
Du siehst, ich will viel                                      13
Wir bauen an dir mit zitternden Hnden                        14
Daraus, da einer dich einmal gewollt hat                     15
Wer seines Lebens viele Widersinne                            15
Was irren meine Hnde in den Pinseln?                         15
Ich bin, du ngstlicher. Hrst du mich nicht                  16
Mein Leben ist nicht diese steile Stunde                      16
Wenn ich gewachsen wre irgendwo                              17
Ich finde dich in allen diesen Dingen                         18
Ich verrinne, ich verrinne                                    18
Sieh, Gott, es kommt ein Neuer an dir bauen                   19
Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz                          20
Werkleute sind wir: Knappen, Jnger, Meister                  20
Du bist so gro, da ich schon nicht mehr bin                 21
So viele Engel suchen dich im Lichte                          21
Das waren Tage Michelangelos                                  22
Der Ast vom Baume Gott, der ber Italien reicht               22
Da ward auch die zur Frucht Erweckte                          23
Aber als htte die Last der Fruchtgehnge                     24
So hat man sie gemalt; vor allem einer                        24
Mit einem Ast, der jenem niemals glich                        25
Ich kann nicht glauben, da der kleine Tod                    26
Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?                      26
Du bist der raunende Verrute                                 27
Du, gestern Knabe, dem die Wirrnis kam                        27
Dann bete du, wie es dich dieser lehrt                        28
Ich habe Hymnen, die ich schweige                             29
Gott, wie begreif ich deine Stunde                            29
Alle, die ihre Hnde regen                                    30
Der Name ist uns wie ein Licht                                31
Dein allererstes Wort war: Licht                              31
Du kommst und gehst. Die Tren fallen                         32
Du bist der Tiefste, welcher ragte                            33
Ich wei: Du bist der Rtselhafte                             33
So ist mein Tagwerk, ber dem                                 34
Ihr vielen unbestrmten Stdte                                35
Ich komme aus meinen Schwingen heim                           35
Du wirst nur mit der Tat erfat                               37
Mein Leben hat das gleiche Kleid und Haar                     37
Und Gott befiehlt mir, da ich schriebe                       38
Es tauchten tausend Theologen                                 39
Die Dichter haben dich verstreut                              40
Selten ist die Sonne im Sobr                                 40
Da trat ich als ein Pilger ein                                41
Wie der Wchter in den Weingelnden                           42
Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht                    42
Ich war bei den ltesten Mnchen                              43
Du dunkelnder Grund, geduldig ertrgst du die Mauern          44
So bin ich nur als Kind erwacht                               45
Da ich nicht war vor einer Weile                             45
Es lrmt das Licht im Wipfel deines Baumes                    46
Du Williger, und deine Gnade kam                              47
Eine Stunde vom Rande des Tages                               47
Und dennoch: mir geschieht                                    48


_Zweites Buch:_ Das Buch von der Pilgerschaft (1901)

Dich wundert nicht des Sturmes Wucht                          51
Ich bete wieder, du Erlauchter                                52
Ich bin derselbe noch, der kniete                             53
Du Ewiger, du hast dich mir gezeigt                           56
Dir ist mein Beten keine Blasphemie                           56
Und seine Sorgfalt ist uns wie ein Alp                        57
Lsch mir die Augen aus: ich kann dich sehn                   58
Und meine Seele ist ein Weib vor dir                          58
Du bist der Erbe                                              58
Und du erbst das Grn                                         59
Ich bin nur einer deiner Ganzgeringen                         60
Und doch, obwohl ein jeder von sich strebt                    61
Du bist der Alte, dem die Haare                               62
Gerchte gehn, die dich vermuten                              62
Alle, welche dich suchen, versuchen dich                      63
Wenn etwas mir vom Fenster fllt                              64
Du meinst die Demut                                           65
In diesem Dorfe steht das letzte Haus                         66
Manchmal steht einer auf beim Abendbrot                       67
Nachtwchter ist der Wahnsinn                                 67
Weit du von jenen Heiligen, mein Herr?                       67
Du bist die Zukunft, groes Morgenrot                         69
Du bist das Kloster zu den Wundenmalen                        70
Die Knige der Welt sind alt                                  71
Alles wird wieder gro sein und gewaltig                      71
Auch du wirst gro sein. Grer noch, als einer               72
Es wird nicht Ruhe in den Husern                             73
So mcht ich zu dir gehn                                      73
Du Gott, ich mchte viele Pilger sein                         74
Bei Tag bist du das Hrensagen                                74
Ein Pilgermorgen. Von den harten Lagern                       74
Jetzt reifen schon die roten Berberitzen                      78
Du mut nicht bangen, Gott                                    78
In tiefen Nchten grab ich dich, du Schatz                    80


_Drittes Buch:_ Das Buch von der Armut und vom Tode (1903)

Vielleicht, da ich durch schwere Berge gehe                  83
Du Berg, der blieb, da die Gebirge kamen                      83
Mach mich zum Wchter deiner Weiten                           84
Denn Herr, die groen Stdte sind                             84
Da leben Menschen, weierblhte, blasse                       85
O Herr, gib jedem seinen eignen Tod                           86
Denn wir sind nur die Schale und das Blatt                    86
Herr: wir sind rmer denn die armen Tiere                     87
Mach Einen herrlich, Herr, mach Einen gro                    88
Das letzte Zeichen la an uns geschehen                       89
Ich will ihn preisen                                          90
Und gib, da beide Stimmen mich begleiten                     90
Die groen Stdte sind nicht wahr; sie tuschen               90
Denn Grten sind, -- von Knigen gebaut                        91
Dann sah ich auch Palste, welche leben                       91
Sie sind es nicht. Sie sind nur die Nicht-Reichen             93
Denn Armut ist ein groer Glanz aus Innen                     94
Du bist der Arme, du der Mittellose                           94
Du, der du weit und dessen weites Wissen                     95
Betrachte sie und sieh, was ihnen gliche                      96
Sie sind so still; fast gleichen sie den Dingen               96
Und sieh, wie ihrer Fe Leben geht                           96
Und ihre Hnde sind wie die von Frauen                        97
Ihr Mund ist wie der Mund an einer Bste                      97
Und ihre Stimme kommt von ferneher                            97
Und wenn sie schlafen, sind sie wie an alles                  97
Und sieh: ihr Leib ist wie ein Brutigam                      98
Denn sieh: sie werden leben und sich mehren                   98
Nur nimm sie wieder aus der Stdte Schuld                     98
Des Armen Haus ist wie ein Altarschrein                       99
Die Stdte aber wollen nur das Ihre                          100
Und deine Armen leiden unter diesen                          100
O wo ist der, der aus Besitz und Zeit                        101
O wo ist er, der Klare, hingeklungen?                        102


Titel, Kopfleiste und Anfangsinitiale dieses Buches zeichnete Walter
Tiemann. Der Druck erfolgte in der Offizin W. Drugulin zu Leipzig.



[Anmerkungen zur Transkription: Die nachfolgende Tabelle enthlt eine
Auflistung aller gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 80: Denn alle Uberflsse -> berflsse
S. 86: zehn ihnen leise eine Weile nach -> gehn
S. 90: ichts von dem weiten wirklichen Geschehen -> Nichts ]



[Transcriber's Notes: The table below lists all corrections applied to
the original text.

p. 80: Denn alle Uberflsse -> berflsse
p. 86: zehn ihnen leise eine Weile nach -> gehn
p. 90: ichts von dem weiten wirklichen Geschehen -> Nichts ]





End of the Project Gutenberg EBook of Das Stunden-Buch, by Rainer Maria Rilke

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS STUNDEN-BUCH ***

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assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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